Auf die Frage, welche Bedeutung Marx’ Kritik der politischen Ökonomie für unser Zeitalter des globalen Kapitalismus hat, muss man eine angemessen dialektische Antwort finden. Marx’ Kritik der kapitalistischen Dynamik ist heute nicht nur hochaktuell, man muss noch einen Schritt weiter gehen: Die kapitalistische Wirklichkeit wird, hegelianisch gesprochen, erst durch den globalen Kapitalismus auf ihren Begriff gebracht. Doch just im Augenblick der vollendeten Wirklichkeiten kommen notwendigerweise Grenzen zum Vorschein; der Moment des Triumphes ist auch der des Scheiterns. Ist die Wirklichkeit vollständig auf den Begriff gebracht, dann muss der Begriff selbst ein anderer werden. Marx unterlief also nicht einfach ein Fehler; er lag oft ganz richtig, allerdings viel buchstäblicher, als er es selbst erwartete.

Marx rechnete mit dem endgültigen Zusammenbruch des Kapitalismus. Obwohl er die kapitalistische Reproduktion auf unübertreffliche Weise analysierte, konnte er in der irrigen Erwartung dieses Zusammenbruchs nicht begreifen, dass der Kapitalismus aus jeder Krise gestärkt hervorgehen würde. Im klassischen Marxismus ist ein weit tragischerer Irrtum am Werk, den Wolfgang Streeck sehr präzise beschreibt. Sicherlich hat die marxistische Lehre bezüglich der "finalen Krise" des Kapitalismus, in der wir heute angekommen sind, recht behalten. Doch sie ist eben gerade das: eine Krise, ein sich hinziehender Zerfalls- und Auflösungsprozess, bei dem keine hegelianische Aufhebung mehr in Sicht ist, kein Subjekt, das diesen Zerfall positiv wenden und in einen Übergang zu einer irgendwie gearteten höheren Form der gesellschaftlichen Organisation verwandeln könnte.

Die Zwickmühle, in der wir stecken, sieht so aus: Während es den Widerstandsbewegungen gegen den Kapitalismus immer aufs Neue misslingt, dessen Vordringen zu behindern, bleiben sie auf merkwürdige Art von vielen Entwicklungen entkoppelt, die doch offenbar den fortschreitenden Zusammenbruch des Kapitalismus bezeugen – so als könnten die beiden Tendenzen nicht zusammenfinden, weil sie sich auf unterschiedlichen Ebenen vollziehen. Wir haben es also mit unwirksamen Protesten auf der einen und einem Zerfall aus inneren Gründen auf der anderen Seite zu tun und sehen uns außerstande, die beiden Entwicklungen zu einem koordinierten Akt der emanzipatorischen Überwindung des Kapitalismus zusammenzuführen.

Wie ist es dazu gekommen? Während die meisten Vertreter der Linken verzweifelt versuchen, die angestammten Rechte der Arbeiter gegen den Angriff des globalen Kapitalismus zu verteidigen, sind es fast ausschließlich die "progressivsten" Kapitalisten selbst (von Elon Musk bis Mark Zuckerberg), die von Postkapitalismus sprechen. Deshalb kann man sich des Eindrucks nicht erwehren, der Topos der Überführung des Kapitalismus in der uns bekannten Form in eine neue postkapitalistische Ordnung werde sich hier vom Kapitalismus selbst angeeignet.

In der Schlussszene des Films V wie Vendetta marschieren Tausende unbewaffnete Londoner mit Guy-Fawkes-Masken auf das Parlament zu; das Militär, das keinen Befehl hat, die Menge aufzuhalten, lässt sie zum Parlament ziehen, und das Volk übernimmt die Macht. Okay, ein netter ekstatischer Moment, doch ich würde meine Mutter auf dem Sklavenmarkt verkaufen, um V wie Vendetta, Teil 2 sehen zu können: Wie geht es am nächsten Tag weiter? In welcher Form wird das siegreiche Volk dann den Alltag (neu) organisieren?

Wie also wird ein radikaler Umbau der Gesellschaft aussehen? Definitiv nicht wie der triumphale Sieg und schon gar nicht wie die Katastrophe, die in den Medien so oft diskutiert und an die Wand gemalt wird, sondern eher "wie ein Dieb in der Nacht": "Ihr wisst genau, dass der Tag des Herrn kommt wie ein Dieb in der Nacht. Während die Menschen sagen, 'Frieden und Sicherheit', kommt plötzlich Verderben über sie wie die Wehen über eine schwangere Frau, und es gibt kein Entrinnen" (Paulus, 1. Thessalonicher 5, 2–3). Und erleben wir nicht genau das in unseren von "Frieden und Sicherheit" besessenen Gesellschaften? Dieser Wandel, so erkennt man bei näherem Hinsehen, ist in vollem Gange, und er geschieht am helllichten Tag: Längst befindet sich der in Auflösung begriffene Kapitalismus in einem Übergangsstadium zu etwas anderem; und nur weil uns die Ideologie so fest im Griff hat, sind wir nicht in der Lage, diese schleichende Transformation wahrzunehmen. Dieser Aufgabe muss sich heute stellen, wer an das Marxsche Erbe anknüpfen will.

Aus dem Englischen von Bettina Engels