Es gibt Star-DJs, das sind Menschen, die supereuphorische Musik auflegen, dabei aber vor allem eine supereuphorische Show abziehen. Sie wedeln mit den Armen, hüpfen auf und ab und fummeln an den Reglern ihres Mischpults herum, damit sie sehr beschäftigt und begeistert aussehen. Ihnen gegenüber stehen die DJ-Stars, jene Künstler, bei denen das Auflegen an erster Stelle steht. Stefan Kozalla alias DJ Koze ist so einer. Bei Auftritten sieht er selten so aus, als habe er richtig Spaß – was wohl daran liegt, dass er sich lieber darauf konzentriert, originelle Stücke so überraschend zusammenzumischen, dass man merkt: Hier entsteht etwas Neues.

DJ Koze legt meist eher seltsame Musik auf. Musik, bei der man jedenfalls nicht sofort an Party oder Exzess denkt. Trotzdem wird er von Clubs und Festivals auf der ganzen Welt gebucht. Im Mai ist der 45-Jährige in London, Lausanne, Frankfurt, Tbilissi, Berlin und Barcelona unterwegs. Überall, wo er hinkommt, liegen sich die Leute bald glückselig in den Armen. DJ Koze – gesprochen: Kosi – stammt aus Flensburg, in den Neunzigern war er in Hamburg Rapper bei der Hip-Hop-Combo Fischmob. Heute scheint er seine eigene Formel gefunden zu haben, wie er Gefühle musikalisch in ihre jeweiligen Gegenteile verkehrt oder sie buchstäblich gegeneinander ausspielt.

Zum Beispiel: Einer der Songs, mit denen er in der letzten Saison Tänzerinnen und Tänzer verlässlich in den Wahnsinn trieb, heißt Pick Up, er steht im Zentrum der neuen LP Knock Knock (Pampa Records). Prognose: Das wird der Partyhit des Sommers. Erst dreht DJ Koze einen Sound-Schnipsel aus einer alten Disco-Platte durch den Fleischwolf diverser Filtereinstellungen, man fühlt sich an den französisch federnden House-Sound der Neunziger erinnert, an Daft Punk oder den Hit Lady von Modjo.

Dann aber fängt eine todtraurige Stimme an zu singen. Dahingeschmachtete Zeilen über eine zerbrechende Liebe hört man in Dancefloor-Hits eher selten. Hier stammen sie aus dem Soul-Hit Neither One of Us (1972) der Motown-Sängerin Gladys Knight. Ist es DJ Kozes Ziel, Euphorie und Melancholie zu verschmelzen? Wenn ja, gelingt es ihm ganz ausgezeichnet. Eine lustige Platte produzieren, damit alle beim Tanzen lustig werden, das kann ja jeder.

In diesem Stil geht es weiter auf Knock Knock. Quietsch- und Zirp-Geräusche verwandelt DJ Koze in gepflegte Harmonien. Moll-Akkorde klingen bei ihm fast nach Dur, schnelle Tempi wirken gar nicht schnell, langsame Tempi hingegen ziemlich flott.

Berühmte Gäste machen mit: Roísín Murphy, die früher bei Moloko sang und eigentlich eine große Disco-Diva ist, summt in Scratch That ein paar Zeilen darüber, dass sie auf keinen Fall den Zug verpassen darf. Und Kurt Wagner, der Chef der kultisch verehrten Country-Band Lambchop, lässt seinen Gesang per Vocoder verfremden.

Auch deutscher Schlager gehört bei DJ Koze in den Mix. Schon auf seinem Vorgänger-Album Amygdala (2013) gab es mit Ich schreib dir ein Buch 2013 den tollen Remix eines Lieds von Hildegard Knef. Die Knef ist auf Knock Knock auch wieder zu Gast. Denkt man jedenfalls. "In einer Stadt, in einem Haus, auf einer Treppe ruhst du dich aus", singt sie, sofort denkt man an die Knef-Hits Im 80. Stockwerk oder In dieser Stadt. Dann folgt allerdings die Zeile "Alle anderen haben’s eilig, und du fragst dich, was sie wohl tun, denn du tust nichts", und jetzt kommen die Zweifel. Das ist gar nicht die Knef? Nein, es ist die in Hamburg lebende Sängerin Sophia Kennedy, die hier fast genauso klingt, bis ins leise Kichern hinein.

Der Song heißt Drone Me Up, Flashy – eine Verdrehung des legendären Befehls aus Raumschiff Enterprise, "Beam me up, Scotty!" und ein weiterer Beweis, dass bei diesem DJ-Star Lässigkeit, Humor und Virtuosität am Werk sind.