DIE ZEIT: Frau Lertzman, Wissenschaft und Medien berichten seit Jahrzehnten über Umweltprobleme, dennoch werden der Müll im Meer und die Treibhausgase in der Atmosphäre immer bedrohlicher. Bringen all diese Informationen am Ende nichts, weil wir unseren Lebensstil ohnehin nicht ändern?

Renee Lertzman: Wie gut jemand über die ökologischen Folgen seines Lebensstils Bescheid weiß, hat tatsächlich kaum Einfluss darauf, wie er diesen gestaltet. Eigentlich ist es ja nicht überraschend, dass Nachrichten nicht direkt in Taten umgesetzt werden. Denn es geht ja um komplexe Probleme. Die Sorge um die Natur ist die eine Seite. Aber wir wollen auch nicht auf unseren Komfort verzichten. Ähnlich wie bei einem Raucher tut sich ein Zwiespalt auf, zwischen dem, worauf wir Lust haben, und dem, was wir tun sollten.

ZEIT: Aber gerade das Rauchen ist doch ein Beispiel dafür, dass mehr Information – neben Verboten und Preiserhöhungen – zu Umdenken führen kann.

Lertzman: Ja, aber das Rauchen ist ein sehr viel einfacherer Fall: Da ist klar, dass es einen Unterschied macht, wenn ich als Individuum mein Verhalten ändere. In Umweltfragen hingegen braucht man auch auf gesellschaftlicher Ebene Veränderungen. Die Herausforderung ist ungleich größer. Das schüchtert die Menschen ein, viele geben auf und verdrängen das Problem im Alltag.

ZEIT: Und trotzdem gibt es diese unliebsamen Fakten. Wie können wir darüber reden?

Lertzman: Anstatt zu jeder Katastrophenmeldung immer gleich das Gegenmittelchen zu liefern, à la "zehn Dinge, die Sie tun können, um das Klima zu retten", müssen wir die Komplexität der Situation anerkennen und die Gefühle, die sie auslöst.

ZEIT: Was bedeutet das konkret?

Lertzman: Wir müssen ehrlich sein. Die Gefahren realistisch darstellen. Und ansprechen, dass die Größe der Herausforderungen Angst machen kann. Dass wir auf Dinge verzichten müssen und dass das schmerzhaft sein wird. Menschen spüren, wenn man sie ernst nimmt. Professoren sollten auf diese Weise mit Studenten sprechen, der Chef mit seinen Mitarbeitern und Medien mit der Öffentlichkeit. Sie sollten es machen wie ein guter Therapeut mit seinem Patienten: ehrlich sein und empathisch.

ZEIT: Aber im Unterschied zu Patienten, die von sich aus zu einem Therapeuten gehen, weil sie Hilfe suchen, ist die Gesellschaft vielleicht nicht bereit zuzuhören.

Lertzman: Es sind mehr Menschen dazu bereit, als wir meinen. Eine Umfrage der Yale University zeigt, dass die Mehrheit der US-Amerikaner den Klimawandel als wichtiges Thema wahrnimmt. Das macht Hoffnung, auch wenn die derzeitige Regierung der USA anders denkt.

ZEIT: Es gibt also Trump-Wähler, die sich Sorgen ums Klima machen?

Lertzman: Durchaus. Aber sie sind skeptisch, wenn ihnen jemand von oben herab moralisierend erklärt, was sie zu tun haben. Ich habe mit Jugendlichen gearbeitet, die lernen wollten, wie sie mit ihren skeptischen Eltern und Nachbarn über den Klimawandel sprechen können. Wir haben ein Video mit Tipps erstellt, und die Jugendlichen haben ihre Erfahrungen ausgetauscht. Das Wichtigste: zuhören. Statt zu belehren, haben die Jugendlichen ihre Bekannten gefragt, was sie über den Klimawandel denken, sie haben zugehört und ein echtes Gespräch gesucht. Aus der Neurowissenschaft wissen wir, dass Menschen ihr Verhalten am ehesten ändern, wenn sie zum Nachdenken gebracht werden.

ZEIT: Das klingt manipulativ.

Lertzman: Überhaupt nicht. Es ist genau das Gegenteil von Manipulation. Wir sprechen die Dinge direkt an. Umdenken kann man nur erreichen, indem man ein echtes Gespräch sucht.