In dieser Woche werden die Tech-Nachrichten von zwei Konzernen bestimmt, natürlich aus den USA. Am Montag eröffnete Microsoft seine Entwicklerkonferenz, am Dienstag Google. Auf beiden Treffen, so viel war vorab klar, würde das Kürzel AI omnipräsent sein, englisch für KI, also künstliche Intelligenz. Die ist gegenwärtig Zauberwort und Zutat zugleich: um eine fantastische Zukunft zu beschwören und um diese zu dominieren.

"Wir stehen an einer Wegscheide", mahnten Ende April neun führende europäische KI-Forscher in einem offenen Brief und beklagten: "Europa hält nicht mit." Natürlich wollen sie mehr Geld, am liebsten für ein europäisches KI-Institut, "frei von Wirtschaftsinteressen". Nun kündigte die deutsche Forschungsministerin am Wochenende an: "Wir werden bei KI eine ordentliche Schippe drauflegen." Und die EU-Kommission lässt 1,5 Milliarden springen. Unlängst hatten sich 25 europäische Länder auf Kooperation bei KI verständigt. Frankreich war im März mit einer nationalen Initiative vorgeprescht.

All dies ist nicht nur gut und begrüßenswert. Es rückt auch drei grundlegende Widersprüche ins Blickfeld:

• Erstens gibt es in Deutschland und in Europa bereits starke Forschung zu KI. Viele Grundlagen für den aktuellen Hype um selbstlernende Systeme (machine learning) wurden hier gelegt. Erfolgreiche Produkte macht man daraus allerdings oft in den USA und zunehmend in China, dessen Firmen in rasantem Tempo aufholen.

• Zweitens steht die gesamte Szene unter dem Eindruck der gewaltigen Summen, welche die Digitalkonzerne investieren. Staatliche Förderprogramme wirken daneben schnell mickrig. Zwischen universitärer und industrieller Forschung herrscht darum ein großes Gefälle: Nachwuchs ist gefragt, die Unternehmen können den Unis die besten Absolventen und Doktoranden wegkaufen. (Genauso wie Start-ups rasch von den Konzernen geschluckt werden.)

• Drittens will die EU-Kommission zugleich ethische Richtlinien für die KI-Entwicklung erarbeiten. Bis Jahresende sollen sie vorliegen. Das ist verantwortungsbewusst angesichts des Potenzials dieser Technik. Es kann aber auch eine Bremse sein im Rennen mit chinesischen und amerikanischen Forschern, deren Richtlinie vor allem das Machbare ist.

Als Versuch Europas, "ein vorsichtiges Gegengewicht angesichts seiner globalen Rivalen" werden zu wollen, wertet das Fachjournal Science die jüngsten Anstrengungen. Die Rivalen haben reichlich Vorsprung, die Aufholjagd wird schwer. Trotzdem: Zu diskutieren, was wünschenswert ist, statt blindlings draufloszuentwickeln – das ist nicht weniger als ein Kulturgut. Stefan Schmitt