Die Welt, das ist ein großer weißer Hintern. Das All ist schwarz, und die Menschen sind es auch. Mit einfachen Strichen hat A. R. Penck sie 1965 auf den weißen Hintern gemalt; sie kämpfen, sie rennen, sie zerschlagen etwas. Ganz oben reichen sie sich über die tiefe Poritze hinweg die Hand und halten Schilder hoch: A=A. Arsch ist Arsch, könnte das bedeuten. Oder auch: Alle sind gleich.

Selten haben Künstler so freudig, frei und grenzübergreifend an alternativen und egalitären Weltentwürfen gearbeitet wie in dem langen Jahrzehnt vor 1968; Penck lebte damals noch unter seinem bürgerlichen Namen Ralf Winkler in der DDR. Die sechziger Jahre, sagen die Kuratoren Andreas Beitin und Eckhardt Gillen, seien das erfindungsreichste Jahrzehnt in der Geschichte der modernen Kunst gewesen. Wie Blitzschläge aus der Zukunft hätten weltweit die Ideen der bildenden Künstler eingeschlagen.

Beitin und Gillen müssen es wissen. Mehr als zwei Jahre lang haben sie über die Kunst der 68er geforscht und stellen nun gut 200 Kunstwerke aus jener Zeit im Aachener Ludwig Forum aus. Ihrem 600 Seiten starken Katalog haben sie ein Zitat von Hans Magnus Enzensberger vorangestellt: "Alles wird anders sein. Ich erinnere mich. Ein wunderbares Gefühl."

Für alle, die damals nicht dabei waren, fächert sich in Aachen ein erstaunlicher, unbedingt sehenswerter Kunstkosmos auf. Die demokratischeren, weil massenhaft reproduzierbaren Medien wie Buch, Schallplatte oder Film waren zwar für die Verbreitung der 68er-Ideen letztlich effektiver, doch die Bildende Kunst, so die These der Ausstellung, war das Experimentierfeld, auf dem der Kampf gegen alte Autoritäten und die spielerische Suche nach den neuen Formen zuerst erprobt wurden. Seit Ende der fünfziger Jahre arbeiteten die Künstler an der Auflösung ihrer tradierten Autonomie – sie wollten lieber "Situationen schaffen" und keine Sofabilder. Man entwickelte die Minimal Art, die Konzeptkunst, Fluxus, Happenings, die Performance. Wie Kinder von der Prügelstrafe, so sollte die Imagination vom Zwang der Form befreit werden – und die Fantasie die Macht ergreifen.

Die Aachener Ausstellung versucht, die wichtigsten Strömungen und Bewegungen aufzuzeigen, auch in ihren Gegensätzlichkeiten. Da sind etwa Joseph Beuys, Wolf Vostell und Bazon Brock, die mit ihren Environments und Happenings schon Mitte der sechziger Jahre NS-Vergangenheit und Vietnamkrieg thematisierten und die Grenzen zwischen Kunst und Leben kräftig verschoben, durchaus auch zum Missfallen der Studenten und Künstlerkollegen. Auf die Deutsche Studententapete von Wolf Vostell, die dutzendfach das berühmte Foto des erschossenen Benno Ohnesorg zeigte, reagierten die Studenten der FU Berlin erbost. Und als Beuys am 1. Mai 1972 den Karl-Marx-Platz fegte, um symbolisch die "ideologiefixierte Orientierung der Demonstranten" auszufegen, reagierte sein Schüler Jörg Immendorff mit einer Art gemalter Wandzeitung: "Halt mal!", steht da über zwei Arbeitern in blauen Hemden geschrieben. Beuys verkleistere die Klassenkämpfe: "Künstler, wenn ihr nicht länger Handlanger der Kapitalisten sein wollt, so stellt das wirkliche Leben dar."

Einige dieser Künstler wurden schließlich selbst Aktivisten, arbeiteten als Betriebsräte in Fabriken oder gingen in den Untergrund. Der französische Maler und Übersetzer Jean-Jacques Lebel zündete mit Gleichgesinnten im Mai 1968 die Pariser Börse an – und feierte das Ereignis als Übergang von der Kunst zum echten Leben, zur internationalen Revolution.

Die Erkenntnis, dass viele der in Aachen ausgestellten Künstler in den Top-100-Listen des Kunstbetriebs keine große Rolle mehr spielen, ist nicht besonders erstaunlich – es ging ihnen nicht um den Markt und die Produktion auratischer Unikate. Martha Rosler zum Beispiel fotokopierte ihre Collagen aus der Serie Bringing the War Home: House Beautiful wie Flugblätter und verteilte sie bei Protesten in New York und San Diego. Auf den Collagen hatte sie Szenen aus dem Vietnamkrieg mit Fotos amerikanischer Hausfrauen in mondänen Interieurs kombiniert – eine feministische Erweiterung jenes agitatorischen Collagenprinzips, das John Heartfield in den zwanziger Jahren entwickelt hatte.

Die Traditionslinien zwischen den 68er-Künstlern und den progressiven Künstlerbewegungen der zehner und zwanziger Jahre kommen in der Aachener Ausstellung etwas zu kurz, doch geht es Beitin und Gillen nicht allein um eine kunsthistorische Einordnung – ihr Projekt ist auch ein erklärt politisches. In einer Zeit, in der nicht nur AfD-Politiker eine Rücknahme der um 1968 erkämpften Freiheiten und Rechte fordern, soll ihre Ausstellung ein Statement gegen revisionistische Bestrebungen sein. Oder wie es Jean-Jacques Lebel in einem Interview mit den Kuratoren sagt: "Die Revolution ist ein permanenter Prozess. Und wenn sie besiegt ist, geht sie in den Untergrund, und dann, ein paar Generationen später, kommt sie wieder raus." Und überträgt sich so, das hofft nicht nur Lebel, wie ein Virus über die Epochen.

"Flashes of the Future. Die Kunst der 68er" ist zu sehen bis zum 19. 8. im Ludwig Forum, Aachen