Ein Café in Berlin-Charlottenburg. Wir treffen den amtierenden Schauspielerkönig von Berlin – Lars Eidinger, 42, in Berlin-Marienfelde aufgewachsen. Vor auch schon 19 Jahren holte ihn Thomas Ostermeier in sein Ensemble. Man geht wegen Lars Eidinger in die Schaubühne, in seinen Hamlet, seinen Richard III. Gerade ist er von Dreharbeiten in Moskau zurückgekehrt. Eidinger ist auch noch so etwas Herrliches, für einen Vermittler der Hochkultur ein wenig Anrüchiges wie ein Berliner Party-König (seine DJ-Sets in der Schaubühne heißen Autistic Disco). Interviewer und Schauspieler kennen sich, das sei hier kurz gesagt, seit zwanzig Jahren (Berliner Nachtleben).

Er bestellt zwei weich gekochte Eier. Wir sitzen vor dem Café in der Sonne, und eben weil wir uns kennen, kann das Gespräch mit einer schweren, dezidiert unmorgendlichen Frage beginnen: Seit sieben Jahren toben Krieg und Massenmord in Syrien. Gibt es für ihn eine Möglichkeit, als Schauspieler auf diesen Horror zu reagieren?

Das Schauspielergehirn stellt sich blitzschnell auf diese unerwartete Stimmung ein. Eidinger erklärt, auf Gastspielreisen – in Jerusalem, in Ramallah, in Teheran – komme regelmäßig die Frage auf, ob man in Aufführungen Bezug zu aktuellen politischen Entwicklungen nehmen solle. Er sei immer strikt dagegen gewesen, ganz einfach, weil die Shakespeare-Klassiker per se schon die denkbar aktuellsten Texte lieferten. Als sie zur Trump-Wahl und zum Höhepunkt der #MeToo-Debatte Richard III. spielten, habe man ihn gefragt: Habt ihr da irgendwas neu reingeschrieben?

Sonst so? Was rufen wir den Schwachköpfen Kollegah und Farid Bang hinterher, nachdem sie immerhin den langweiligen Musikpreis Echo kaputtgekriegt haben? Und: Wie kommen wir – die nicht mehr jungen Männer, die mit dem HipHop der achtziger und neunziger Jahre aufgewachsen sind – aus der Falle heraus, dass wir beim Fun der deutschen Gangsterrapper (finster aussehen, verbotenen Quatsch daherreden) gerne dabei sind, bei deren zynischem Spiel mit Antisemitismus aber natürlich keinesfalls mitmachen wollen? Moment. Er kann nicht sehen, dass Leute wie Bushido lustig sind: "Die sind so doof wie das, was sie da propagieren."

Neuer Kaffee, und es geht jetzt nacheinander um Christoph Schlingensief ("der letzte Künstler, der sich nicht damit begnügt hat, Fragen zu stellen, sondern den Mut hatte, Antworten zu geben"), um Ironie ("Im Gegensatz zu den Österreichern verstehen die Deutschen das nicht, die denken immer, Ironie bedeutet, das Gegenteil von dem zu sagen, was man eigentlich denkt"), um die große Frage, was er beim Schauspielen eigentlich macht ("Ich provoziere Unmittelbarkeit, ich treffe Entscheidungen, die unmittelbar jetzt und in diesem Raum stattfinden"). Und zuletzt haben wir noch die schöne Frage, warum der DJ Lars Eidinger beim Plattenauflegen so gerne sein nacktes Hinterteil zeigt: "Moment, seit das auf der Titelseite der Bild-Zeitung erschienen ist, habe ich das nicht noch mal gemacht." Es gehe ihm bei diesen Provokationen nicht darum, die Leute vor den Kopf zu stoßen: "Es geht um Grenzüberschreitung, um Überschwang." In irgendeinem Zusammenhang, wie schön, fällt jetzt der Name des vermissten, 2016 verstorbenen Fotografen Daniel Josefsohn.

Was tun gegen die grässliche Selbstzufriedenheit? Nein, Selbstzufriedenheit sei nun wirklich nicht sein Thema: "Ich bin getrieben von Selbsthass." Auf der Bühne könne er sich entspannen, der Alltag dagegen sei für ihn schwer zu bewältigen. Sein ganzes Unglück und seine Depressionen, so erklärt er jetzt, sie rühren von den Popvideos der achtziger Jahre her – die haben ihn an eine perfekte Welt glauben lassen, die es nicht gibt.

Noch ein bisschen zusammen in der Morgensonne sitzen, neue Standpunkte ausprobieren: Freude.

Diesen Artikel finden Sie als Audiodatei im Premiumbereich unter www.zeit.de/audio