Den Literaturnobelpreis gibt es seit 1901. Er wird jedes Jahr verliehen. Das Preisgeld beträgt acht Millionen schwedische Kronen. Das sind 759.000 Euro. Das viele Geld hat die Preisträger zu Zeiten, als man solche Summen noch nicht im Schlaf auf dem Berliner Immobilienspekulantenmarkt verdienen konnte, oft um den Verstand gebracht. Man bezeichnete den Preis deswegen gelegentlich als Todeskuss. Albert Camus bekam Erstickungsanfälle, nachdem er den Preis bekommen hatte. So mancher Preisträger hat danach so gut wie nichts mehr geschrieben. Imre Kertész nannte ihn eine Glückskatastrophe und verjubelte das Geld in kürzester Zeit, um es wieder loszuwerden. Sartre wollte den Preis nicht haben. Ein Schriftsteller, fand er, müsse sich weigern, sich in eine Institution verwandeln zu lassen. Elfriede Jelinek war es nicht möglich, den Preis abzuholen, Bob Dylan hatte keine Lust und schickte seine alte Freundin Patti Smith. Sonst wurde der Preis eisern jedes Jahr am 10. Dezember verliehen. Immer im Schloss, immer aus der Hand des schwedischen Königs, immer in Frack und Robe. Nur in den Jahren 1914, 1918 und 1940 bis 1943 kam die prunkvolle Nobelpreismaschine zum Erliegen.

In diesem Jahr wird der Preis nun wieder nicht vergeben. Schlimmer noch: Es ist mehr als fraglich, ob er seine Bedeutung nicht für immer verloren hat und von ihm nur das übrig bleibt, was meistens übrig bleibt, wenn Mythen sterben: das hässliche Geld. Schuld daran ist ein gewisser Jean-Claude Arnault. Das ist unfassbar. Wie kann ein einziger Franzose vollbringen, wozu es zuvor zweier Weltkriege bedurfte? Zumal Monsieur Arnault ein der Weltöffentlichkeit bis vor Kurzem vollständig unbekannter Herr war, der es in seiner Eigenschaft als Gatte einer Dichterin, die zur Literaturnobelpreisjury gehörte, allenfalls zu lokaler Bedeutsamkeit gebracht hatte.

Mit Monsieur Arnault haben die armen Schweden ihre Weinstein-Tragödie bekommen, inklusive sämtlicher hollywoodesker Erzählbausteine: ein Frack tragender Wüstling, Luxusimmobilien, Erpressung, sexueller Missbrauch, womöglich sogar Vergewaltigung. Seit zwanzig Jahren gab es Klagen über den französischen Gatten. Sie wurden von mindestens zwei Ständigen Sekretären der Schwedischen Akademie nicht nur überhört. Arnault wurde von der Akademie überdies in seinen privaten Geschäften unterstützt, selbst dann noch, als man Verdacht schöpfte, dass er die Namen diverser Nobelpreisträger vorab verraten haben könnte. Erst Sara Danius, seit 2015 die erste Frau auf dem Chefposten der Akademie, ließ den Fall untersuchen und trat für Aufarbeitung ein. Sie wurde von ihrem Amtsvorgänger Horace Engdahl dafür öffentlich beleidigt und von einer Mehrheit seiner Unterstützer in der Hoffnung, die Peinlichkeit weiterhin zu vertuschen, zum Rücktritt genötigt. Jetzt hat #MeToo sein prominentestes Opfer: Der Skandal hat eine Weltinstitution zerstört.

Der Ruf des aktuell amtierenden glamourösen Gremiums – Kristalllüster, Marmorbüsten, mundgeblasene Schnapsgläser und dergleichen gehören gewissermaßen zum Bordservice der Akademie – ist jetzt irreparabel ruiniert. Selbst rückwirkend verliert ein Preis seinen Glanz, der von einem Club vergeben wurde, dem sein märchenhafter Reichtum und seine goldbestickten Sessel derartig zu Kopfe gestiegen sind, dass er in jüngster Zeit nicht nur den Literaturbegriff bedenklich erweitert hat, indem er Rocklegenden und Journalisten den wichtigsten Literaturpreis der Welt verlieh, sondern auch den Moralbegriff. Die göttergleiche Aura, die den Preis 117 Jahre lang umwehte, wird sich ohne Weiteres nicht wieder einstellen – ein unersetzlicher Verlust für die ohnehin an Bedeutungsschwindsucht leidende schöne Literatur.

Umso wichtiger ist eine radikale Erneuerung. Die Zeiten der wunderbar anachronistischen Selbstherrlichkeit der Akademie sind vorbei. Und zwar vor allem mangels geeigneten Personals, das ihr gewachsen wäre. Deswegen genügt es nicht, die aus Protest gegen die internen Seilschaften ausgetretenen Mitglieder durch neue zu ersetzen, die vertuschungsbereiten Altmitglieder jedoch in der Akademie zu belassen. Die gesamte Akademie sollte aufgelöst und neu gegründet werden.