DIE ZEIT: Fußballprofis bekommen heute weitaus höhere Gagen und viel mehr Aufmerksamkeit als zu Ihrer aktiven Zeit. Wären Sie jetzt gern noch mal Spieler?

Lothar Matthäus: Ich bin mit meiner Karriere zufrieden. Ich brauche nicht noch mal einen Meistertitel. Der Fußball ist schneller geworden, alles wird größer, auch das öffentliche Interesse. Heute ist jeder ein Popstar und wird auf Schritt und Tritt verfolgt. Auch wenn Sie es nicht glauben: Ich war nie einer, der die Kameras gesucht hat.

ZEIT: Sondern?

Matthäus: Die Kameras haben eher mich verfolgt. Okay, ab und zu habe ich Fehler gemacht. Diese Doku über mein Privatleben bei Vox hätte ich nicht zulassen sollen. An Aufmerksamkeit hat es nicht gemangelt. Heute kämen noch Social Media dazu, all der Kram. Schön für die jungen Spieler, die das jetzt miterleben. Ich brauche das nicht. Ich lebe nicht zufällig etwas ab vom Schuss in Budapest. Ich bin eigentlich ein Typ, der sich vor Massen fürchtet. Mir ist beim Oktoberfest unwohl, da kriege ich Platzangst. Und ich bin froh, wenn ein Restaurant nicht zu hundert Prozent voll ist, sondern nur zu siebzig Prozent.

ZEIT: Früher konnten Fußballprofis abends noch um die Häuser ziehen, sogar bei einer Weltmeisterschaft wie 1982.

Matthäus: Da war ich zwar im Kader, aber noch zu jung und zu naiv, um zu wissen, was abging. Ich bin früh schlafen gegangen. Morgens habe mich gewundert, dass manchmal Trainingseinheiten ausfielen, weil einige noch ein bisschen unpässlich waren.

ZEIT: Sie sind nun hauptberuflich Experte bei Sky. Sind die deutschen Vereinsmannschaften noch konkurrenzfähig?

Matthäus: Der deutsche Fußball macht international eine Krise durch. Borussia Dortmund hatte katastrophale Ergebnisse. Aber es wird schon wieder. Es klappt nicht mit Jugendspielern allein. Und nicht nur mit U-23-Trainern, die hochkommen in die Bundesliga. Wir müssen wieder mehr auf Erfahrung setzen. Noch besser scouten. Es hat nicht alles immer nur mit Geld zu tun.

ZEIT:Bayern München, der Verein, bei dem Sie zweimal unter Vertrag waren, ist auf Revival-Kurs. Der frühere Bayern-Spieler Nico Kovač wird Trainer, Miroslav Klose Nachwuchstrainer, Mehmet Scholl soll zurückkommen, Hasan Salihamidžić ist schon im Management. Und Sie?

Matthäus: Ich bin ja auch wieder da. Mit im Boot. Vor wenigen Wochen war ich als Botschafter des FC Bayern in Miami und Philadelphia. Ich habe eine Vereinbarung getroffen, den Verein zu repräsentieren. Ich finde das sinnvoll.

ZEIT: Es könnte auch ein guter Trick sein, einen Kritiker einzubinden.

Matthäus: Bei Bayern wissen sie, dass ich bei Sky arbeite. Von mir gibt es nichts unter die Gürtellinie, aber durchaus mal kritische Worte. Ich kann bei Sky nicht die Bayern loben, wenn sie schlecht spielen, nur weil ich nun Botschafter und Kapitän ihrer Legendenmannschaft bin. Diese Botschafterrolle ist eine Win-win-Situation. Die Reisen sind zwar anstrengend. Aber für mich ist das positiver Stress. Ich war auch für die Deutsche Fußball-Liga in Kolumbien und Abu Dhabi. Jetzt in Miami habe ich mit Bayern-Fans in einem bayerischen Wirtshaus das Spiel gegen Leverkusen verfolgt. Die sind voll dabei, wie im Stadion.

ZEIT: Uli Hoeneß wollte Sie eigentlich nicht mal mehr als Greenkeeper beim Verein beschäftigen, wie er nach einem Streit 2002 verkündete.

Matthäus: Er hat sich vor Jahren schon beim Audi Startalk in München öffentlich für seine Aussage entschuldigt. Das hat nur die Medien nicht interessiert. Das Thema ist erledigt. Statt Greenkeeper nun Botschafter, das ist doch eine schöne Geschichte.

ZEIT: Und Sie sind auch nicht nachtragend?

Matthäus: Dann dürfte ich mit Ihnen und einigen anderen Journalisten auch nicht mehr sprechen. Ich habe immer Frieden geschlossen.

ZEIT: Wie ist Ihr Kontakt zu Ihrem Mentor Franz Beckenbauer?

Matthäus: Ich habe ihn in Salzburg besucht, als es ihm schlecht ging. Ich habe ihn am Tegernsee gesehen, in München getroffen. Mein Idol war ja Günter Netzer, weil ich Fan von Mönchengladbach war, aber zum Franz schaue ich auf – inzwischen auf freundschaftliche Weise. Jeder von uns weiß: Wenn es einem von uns schlecht geht, ist der andere zumindest mit seinen Gedanken da. Wir haben uns ja auch in taktischen Dingen ausgetauscht. Salzstreuer, wie sie angeblich die Trainer Thomas Tuchel und Pep Guardiola in München bei Schumann’s verschoben, haben wir schon vor Jahren hin und her gerückt. Franz hatte bei der WM 1990 im Teamquartier das Turmzimmer. Da standen eine braune Ledercouch, zwei Sessel, ein Holztisch. Da hat er seine Blätter hingelegt. Jeden Abend war ich da, wir sind die Aufstellung durchgegangen. Davon habe ich später als Trainer profitiert.