Als Ludwig Harig noch Volksschullehrer in Sulzbach war, besaß er außer der Stadtwohnung in einem Hochhaus ein kleines Haus im Wald, das an den Wochenenden zu einem weltliterarischen Treffpunkt wurde. Da saßen der Philosoph Max Bense und der Dichter Helmut Heißenbüttel, der wunderbare Übersetzer Eugen Helmlé und der französische Autor Georges Perec, der Maler Hans Dahlem und der Bildhauer Leo Kornbrust, der berühmte Hörspielredakteur Heinz Hostnig und Reinhard Lettau aus San Diego um einen wackligen Gartentisch herum und aßen Dibbelabbes, Schales und Döppekooche und tranken einen sauren Wein von der nördlichen Mosel, der einem das Fleisch von den Zähnen zog.

Ludwig Harig war das Zentrum dieser "saarländischen Freude", wie er diese bukolische Lebensart genannt hat, die wir gerne in der Welt verbreiteten. Ganz im Gegensatz dazu schrieb er eine kalkulierte Poesie, in der er die Worte permutativ in die Mangel nahm, collagierte Hörspiele wie das berühmte Staatsbegräbnis zum Tode von Adenauer oder gereimte Kinderverse – eine sehr diesseitige Welt ohne metaphysische Kapriolen und ohne Gott. Nach einem dieser langen Wochenenden schlug ich ihm vor, seine Lebensgeschichte aufzuschreiben, die Geschichte des Saarlands zwischen Deutschland und Frankreich, vom "Vadder", der Verdun überlebt hatte und eine Autolackiererei in Sulzbach betrieb, von der Napola und dem zweiten Leben der Nachkriegszeit. "Ordnung ist das ganze Leben", der Wahlspruch des Vaters, wurde auch der Titel des ersten autobiografischen Romans, dem viele weitere folgten.

Wenn ich in Sulzbach von München erzählen sollte, musste ich nicht nur von dem gemeinsamen Freund Paul Wühr berichten, sondern auch von Günter Herburger, der eine Etage unter Wühr lebte, neben der Schriftstellerin Gisela Elsner. Vor allen Dingen interessierte die trinkfesten und sportabstinenten Saarländer die bedenkliche Tatsache, dass Herburger plötzlich zum Marathonläufer geworden war, der sogar an Läufen durch die ägyptische Wüste teilgenommen hatte. Manchmal traf ich Herburger, wenn er von seinem täglichen 20-Kilometer-Übungslauf zurückkehrte und, vor mir auf der Stelle tretend, von seinen neuen Gedichten berichtete, die alle etwas von dem Rhythmus und Schwung seiner aberwitzigen Läufe hatten. Er war ein vollkommen unabhängiger Kopf. Früher hatte er dicke Romane geschrieben, wunderbare Erzählungen, die auch verfilmt wurden, am Ende fast ausschließlich Gedichte, die er einem, samt weitschweifigen Erklärungen, am Telefon vortrug.

Die Literaturgeschichte ist oft ungerecht. Aber eines Tages werden diese beiden Autoren aus der deutschen Provinz – Herburger stammte aus Isny im Allgäu – einen prominenten Platz darin einnehmen.