Im Jahr 2015, zur Hoch-Zeit der Dresdner Montagserregung, sprach ich mit Frank Richter. Pegidas Volk schien mir kleingeistig und engherzig, auch wenig selbstbewusst, weil ohne gesamtdeutsche Stimme. Deutschlands große Medien sind ja alle westlich, halten sich aber für normaldeutsch. Fremdäugig blicken sie nach Osten und verzerren leicht. In der Optik heißt das perspektivische Verkürzung. Aber dauerbeleidigte Volksgenossen, die blindwütig LÜGENPRESSE! brüllen, verzwergen sich selbst.

Zu meiner Überraschung redete Richter über Religion und Karl Marx.

Der Osten, sagte er, ist zu achtzig Prozent atheisiert. Man findet überall weltanschauliche Leere, politische Heimatlosigkeit und moralische Widerstandsschwäche. Der Marxismus-Leninismus hat in der DDR realpolitisch nicht funktioniert, doch als Welterklärung durchaus. 1989/90 verschwand er, völlig geräuschlos, binnen Wochen. Damit verloren viele Menschen einen Orientierungsrahmen.

Klare Sätze, hilfreicher als das übliche Rühren in der Befindlichkeitsbrühe.

Was war die DDR? Deutschland, wie die BRD. Und Vorposten der sowjetischen Siegermacht. Ideologisch ruhte sie auf zwei Pfeilern: Antifaschismus und Antikapitalismus. Beide bedingten einander. Der Faschismus, im Westen Nationalsozialismus genannt, galt als "aggressivste Form des Monopolkapitalismus"; er hatte die Welt in Brand gesteckt und 55 Millionen Menschen ums Leben gebracht. Er zerbrach an der Anti-Hitler-Koalition, vornehmlich dank der Sowjetunion, die nun ihr System in den neuen Vasallenstaaten installierte.

Als präsowjetischer Chefideologe diente Karl Marx, freilich diktatorisch zugerichtet. Laut Doktrin war, was Karl Marx und Friedrich Engels ersonnen hatten, durch Lenins Oktoberrevolution Wirklichkeit geworden. Mit Stalins Roter Armee gelangte der staatsdoktrinäre Marxismus-Leninismus nach Deutschland Ost. Er entschuldete die DDR-Deutschen vom Hitlerkrieg und promovierte sie zu "Siegern der Geschichte". Nun genossen auch wir das Glück der klassenlosen Gesellschaft beziehungsweise, für eine Periode des Übergangs, die Diktatur des Proletariats.

Rätselhafterweise begehrten 1968 die gleichfalls befreiten Tschechoslowaken einen Sozialismus mit menschlichem Antlitz. Moskau ließ Panzer rollen, der Prager Frühling erfror. Im selben Jahr erlebte ich mein erstes Marx-Jubiläum. Überall in der DDR prangte das 150-jährige Wallehaupt. Immerhin verurteilte Karl Marx den US-amerikanischen Krieg in Vietnam. Ich auch.

1972: Schulschluss. Direktor Rüdiger hatte gedroht: Mit Ihrer Mähne kein Abschlusszeugnis! Dann erklärte der neue Partei- und Staatschef Erich Honecker, wichtig sei nicht, was auf den Köpfen wachse, sondern deren Inhalt. Genosse Rüdiger überreichte mir das Zeugnis und sprach gepresst: Erwerben Sie zu Karl Marx’ Haarlänge nun auch sein Wissen.

1973: Lehrausbildung. In Chile regierte die Unidad Popular des sozialistischen Präsidenten Allende. Diskussion mit dem Staatsbürgerkunde-Lehrer. Chile, fand ich, habe gezeigt, dass der Sozialismus auch demokratisch siegen könne, durch bürgerliche Wahlen. Der Lehrer widersprach: Der US-Imperialismus werde ein sozialistisches Chile nicht dulden, das wisse er als Marxist. Am 11. September 1973 behielt der Lehrer recht: Militärputsch in Santiago, assistiert von der CIA. Salvador Allende starb, wie Victor Jara, wie Pablo Neruda. Wohl 4.000 Menschen wurden ermordet, Zehntausende kamen ins KZ. Fortan wusste ich, dass Imperien keine Freiheitsmächte sind.