Bislang brauchte man ein Einser-Abi, um Medizin zu studieren. Das wollen die Kultusminister nun ändern. Ihre Entscheidung hat Folgen für andere NC-Fächer.

Kurz vor Weihnachten hat das Bundesverfassungsgericht den Medizin-NC als in Teilen verfassungswidrig erklärt. In ihrer gegenwärtigen Form verstoße die Studienplatzvergabe gegen das Grundrecht der Bewerber auf gleiche Teilhabe am staatlichen Studienangebot, befanden die Richter. Dem Abitur sprachen sie nebenbei seine bundesweite Vergleichbarkeit ab.

Bis Ende 2019 müssen die Kultusminister nun das Numerus-clausus-System neu aufstellen. Was sie jetzt entscheiden, wirkt sich auf alle zulassungsbeschränkten Fächer aus, auf die bundesweiten genauso wie auf die zahlreichen lokalen NC. Vergangene Woche haben sich die "Amtschefs", also die höchsten Beamten in den Länderministerien, auf die Eckpunkte der Medizin-Reform verständigt. Bemerkenswert daran sind die Schnelligkeit und der überparteiliche Mut zu Veränderungen: Sie reichen weit über das vom Verfassungsgericht geforderte Maß hinaus.

Zentrale Neuerung: Die sogenannte Wartezeitquote fällt weg. Sie reservierte 20 Prozent der Plätze für Schulabgänger ohne Topnoten, die sich ein Medizinstudium "erwarten" konnten. Als Ersatz könnte die "Talentquote" eingeführt werden. Sie soll sehr guten Bewerbern unabhängig von ihrer Note die Chance geben, ihre Eignung nachzuweisen – über Berufserfahrung oder Tests zum Beispiel. Die bisher 20 Prozent umfassende Abiturbestenquote bleibt. Sie wird so ergänzt, dass sie den Zensurenschnitt über Ländergrenzen hinweg vergleichbar macht – so lange, bis das Abitur selbst wieder vergleichbar ist. Auch die den Hochschulen besonders wichtigen eigenen Auswahlverfahren (für zurzeit 60 Prozent der Studienplätze) sollen weitergehen, ebenfalls mit gewichteten Abi-Noten. Außerdem müssen die Hochschulen zu den Zensuren mindestens ein zweites Auswahlkriterium – Tests oder Auswahlgespräche etwa – "mit erheblichem Gewicht" hinzunehmen, ausgewählt aus einem von der Politik vorgegebenen Katalog. Wie genau die Verteilung zwischen den Quoten künftig aussehen wird, ist offen, doch könnte sie ähnlich ausfallen wie bislang.

So weit die geplante Reform im Schnelldurchlauf, sie soll in einem neuen Staatsvertrag ausgearbeitet werden. Um zu verstehen, was sie praktisch bedeutet, muss man die heftigen Debatten seit dem NC-Urteil Revue passieren lassen. Dabei ging es um drei Fragen. Erstens: Was wird aus den Tausenden von Bewerbern, die auf der Warteliste stehen? Zweitens: Wie bekommen die Länder die Mängel bei der Abi-Note in den Griff? Drittens und wohl am überraschendsten: Können die Software-Entwickler halten, was die Politik verspricht?

Die Angst der Wartenden

Carla Ramsauer will Ärztin werden. Unbedingt. Sie weiß das, seit sie in der achten Klasse ein Schweineherz sezieren sollte. Während Klassenkameraden sich ekelten, packte die 14 Jahre alte Carla eine Faszination für das, was im Körper passiert. Jetzt ist sie 24 Jahre alt, und ihr Traum droht zu platzen. Sie wartet seit elf Semestern auf einen Studienplatz. Als sie sich 2012 erstmals bewarb, stand in dem Bescheid als voraussichtliche Wartezeit: elf Semester. Über die Jahre wuchs die Zahl. Zuletzt waren es 15 Semester. "All das akzeptiere ich", sagt Ramsauer. "Was ich nicht akzeptiere: Wenn die Politik mittendrin die Regeln ändert und ich am Ende sieben Jahre vergeblich gewartet habe."

Genau das könnte passieren. Ramsauer erreicht die 15 Semester genau dann, wenn die Wartezeitquote wegfallen soll. Mit der geplanten Streichung reagiert die Kultusministerkonferenz (KMK) auf die Aussage der Verfassungsrichter, Wartezeiten von "vier oder mehr Jahren" seien "dysfunktional". Statt die Wartezeit abzuschaffen, könnten die Länder auch allen Wartenden nach acht Semestern einen Studienplatz geben, aber das würde eine massive Erweiterung der Kapazitäten bedeuten. Lieber wählen sie den Totalschnitt. Die KMK hat ein Rechtsgutachten in Auftrag gegeben, um zu ergründen, was das für die wartenden Bewerber bedeutet. Verfassungsrechtler halten die Sache aber schon jetzt für ziemlich eindeutig. Sprich: Die Betroffenen können sich nicht auf die alte Regel berufen.

Wer aus der Wartezeitquote fällt, heißt es aus der KMK, könnte sich ja über die Talentquote neu bewerben. Was für Ramsauer tatsächlich eine Chance wäre. Sie hat den Medizinertest sehr gut abgeschlossen, doch reichte das bislang nicht zum Ausgleich ihres Abiturs mit der Note 2,4. Sie hat ein Freiwilliges Soziales Jahr gemacht, eine Ausbildung zur Krankenschwester und arbeitet auf der Intensivstation des Münchner Uni-Klinikums Großhadern.