Der Mann, um den es in diesem Artikel geht, ist Arzt. Seinen Namen möchte er nicht preisgeben, nicht in dieser aufgeregten Gesellschaft, von der er den Eindruck hat, dass niemand mehr dem anderen zuhört, dass sich alle nur noch anschreien und beleidigen, vor allem, wenn es um das Thema Flüchtlinge geht. Und das tut es in seinem Fall. Denn der Arzt hat beschlossen, die Behandlung von Asylbewerbern einzustellen.

Würde sein Name mit dieser Entscheidung verbunden, das weiß er, ginge es augenblicklich nicht mehr um die Sache, sondern um ihn als Person. Er wäre dann entweder "Fremdenfeind" oder "Retter des Abendlandes". Er bekäme all das zu hören, was der Leiter der Essener Tafel zu hören bekam. Und er wäre – weil seine Erlebnisse denen ähneln, die Polizisten jüngst bei einem Festnahme-Versuch im baden-württembergischen Ellwangen machten – sofort in der aktuellen Abschiebe-Debatte gefangen. Da wären überall Ausrufezeichen, wo sich der Arzt zunächst eine einfache Frage wünscht: Was ist passiert?

Der Arzt, ein Allgemeinmediziner, lebt in Niederbayern und ist der ZEIT seit Längerem bekannt. Seit vielen Jahren arbeitet er unter anderem für die bayerische Landes- und für die Bundespolizei. Den Begriff "Balkanroute" kannte er lange vor der Öffentlichkeit, denn deren asphaltierter Ausläufer, die Autobahn 3, erreicht Deutschland dort, wo er zu Hause ist. Jahrelang fingen Fahnder dort vor allem Diebesbanden aus Osteuropa ab, Drogenkuriere, wach gehalten von Aufputschmitteln, und Schleuser, die Prostituierte nach Westeuropa fuhren. Nach deren Festnahmen riefen die Polizisten den Arzt häufig auf die Wache, wo er die manchmal über Tage in Transportern eingeschlossenen Frauen versorgte und die Haftfähigkeit der Verdächtigen prüfte. Der Arzt zögert nicht, zu sagen: Jene, die damals ins Land kamen, waren selten eine Bereicherung.

Im Frühjahr 2015 änderte sich etwas. Auf der Autobahn 3 griffen die Polizisten immer häufiger Flüchtlinge aus dem Nahen Osten auf, in immer schnellerem Takt klingelte das Telefon des Arztes, Tag und Nacht. Es ging jetzt nicht mehr um Kriminelle, sondern um Kriegsopfer. In eilig errichteten Zelten übernahm der Arzt bei Tausenden Flüchtlingen die sogenannte Triage, wie Mediziner das schnelle Sichten und Sortieren vieler Verletzter nennen, etwa nach Massenunfällen. "Wer hat nichts? Wen kann ich vor Ort behandeln? Wer muss ins Krankenhaus? Darum ging es", sagt er.

Der Arzt sah Verletzungen, die man in Deutschland zuletzt 1945 gesehen hatte: "Bis aufs Fleisch wund gelaufene Füße, Beine voller Granatsplitter, Kinder in kachektischem Zustand, also ausgelaugt und abgemagert." Die meisten Menschen, die der Arzt begutachtete und behandelte, waren aus dem Irak, Afghanistan und Syrien gekommen. Oft fand der Arzt nur eine oder zwei Stunden Schlaf pro Nacht. Ein Jahr lang machte er keinen Urlaub.

Wenn der Arzt von 2015 berichtet, dem Jahr, das inzwischen eine Ewigkeit zurückzuliegen scheint, dann spricht er kein emotional getränktes Betroffenheitsdeutsch. Er ist ein kühler Erzähler, kein Schönfärber, kein Schwarzmaler. Selbstverständlich habe es schon damals hin und wieder Probleme gegeben. Er begegnete Motiven wie aus tiefer Vergangenheit – und einige Geflüchtete trafen auf die Moderne. So konnte es passieren, dass der Arzt eine hochschwangere Muslimin ins Krankenhaus überwies und deren Mann versuchte, ihr die älteren Kinder mitzugeben. "This is Germany!", sagte der Arzt dann. "Hier kommen die Kranken ins Krankenhaus – und um die Kinder kümmern sich die Gesunden. Das sind Sie." Seine Anweisungen seien stets akzeptiert worden, sagt der Arzt, es gab keine Aggression, "nichts, null". Die Menschen waren dankbar für jede Hilfe, weil sie wirklich hilfsbedürftig waren.

Das, sagt der Arzt, sei vorbei. Keiner seiner heutigen Patienten sei vor einem Krieg geflohen. Viele hält er für "Medizintouristen". Manche hat er in Verdacht, mit den Medikamenten zu dealen, die er ihnen verschreibt. Einer zückte kürzlich ein Messer. Also: Was ist passiert?

Seit einiger Zeit arbeitet der Arzt in Deggendorf, wo Bayerns Landesregierung eines von derzeit vier "Transitzentren" eingerichtet hat. Dort sind Asylbewerber untergebracht, die kaum Aussicht auf Anerkennung haben. In Deggendorf sind das Menschen aus Sierra Leone und Aserbaidschan. In den vergangenen Jahren lehnte das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (Bamf) regelmäßig über 80 Prozent aller Anträge von Asylbewerbern aus diesen beiden Ländern ab.

Je nach Standpunkt in der Flüchtlingsfrage sind die bayerischen Transitzentren entweder kaltherzige Verwahr- und Abschreckungsanstalten – oder Orte, an denen der Staat wieder Strenge zeigt, nachdem er eine Zeit lang sehr sanft war. Die Bewohner erhalten keine Sprachkurse und dürfen nicht arbeiten, die Unterkunft aber verlassen. Sie bekommen drei Mahlzeiten täglich und eine medizinische Grundversorgung. In einem kahlen Behandlungszimmer bietet der Arzt im Wechsel mit einem Kollegen abends regelmäßig Sprechstunden an. Dass er inzwischen der Ansicht ist, der strenge Staat müsste noch strenger sein, hat mit seinen Erfahrungen dort zu tun. "Die Klientel ist eine andere geworden", sagt er, "frech und fordernd. Da kommen jetzt Leute, die wollen Viagra."