Alles gut?", hörte ich mich beschwingt rufen, als ich vor ein paar Tagen an E. vorbeiradelte.

"Alles gut?" ... Ich muss verrückt geworden sein. Oder jetzt einfach auch dabei, anderen Menschen meine Zeitknappheit oder mein Desinteresse bereits mittels Suggestivfrage unterzujubeln. In dem Wissen, dass diese Frage wohl von niemandem tatsächlich je bewusst so gemeint ist, kommt es mir dennoch oft so vor. Ganz abgesehen davon, dass wohl bei den wenigsten von uns immer alles gut ist. Rein erfahrungsgemäß.

Bei E. jedenfalls bekam ich umgehend die Quittung: "Im Gegenteil", rief sie mir in Richtung Straße zu. "Mutter im Sterben. Ehe futsch."

Ich stieg vom Rad. Was sollte ich auch machen? Antworten wie diese lösen jedes moderne Zeitmanagement umgehend in ein Nichts auf.

Ich wusste, worauf ich mich einließ, ich kenne E. seit ein paar Jahren. Sie war eine von nicht wenigen Ehrenämtlern, die sich für psychisch Kranke einsetzten, ich arbeitete damals für ein Forschungsprojekt der Universität Leipzig mit dem Schwerpunkt Depressionshilfe.

Die Treffen mit den freiwilligen Helfern waren mir oft die liebsten. Manchmal auch die anstrengendsten, um ehrlich zu sein. Viele von ihnen waren selbst einmal betroffen oder rangen zum Teil noch immer mit der Krankheit.

Ich habe viel gelernt damals, in reichlich Leben hineinblicken dürfen: viel persönliches, familiäres Leid gesehen, viele gebrochene DDR-Biografien. Oft finanziell prekäre Verhältnisse, wenn sich ein Wust an Problemen zur Langzeiterkrankung ausgewachsen hatte.

Andererseits habe ich dort auch viel Zusammenhalt erlebt. Einen Zusammenhalt, der fast anachronistisch wirkte. Wie aus einer anderen Zeit. Ein Zusammenhalt, der zutage tritt, wenn man keinen Schein mehr zu wahren hat. Wenn alles eben nicht mehr gut ist. Oder wenn man das Gute, das doch noch vorhanden ist, nicht mehr sehen kann.

Ich erinnere mich, dass damals der Wunsch nach Entstigmatisierung der Krankheit eine große Rolle gespielt hat. Raus aus der Schublade, wieder rein ins Leben. So kann man das Credo wohl formulieren.

All das fiel mir in den vergangenen Tagen wieder ein, als die Diskussion über das von Bayerns Ministerpräsident Markus Söder auf den Weg gebrachte neue Psychisch-Kranken-Hilfe-Gesetz in Bayern losgebrochen war – ein Gesetz, das psychisch Kranken helfen und sie gleichzeitig in die Nähe von Straftätern stellen will. Heftiger Kritik aus verschiedenen Richtungen geschuldet, mussten einige der Vorhaben bereits entschärft werden – etwa der Vorschlag, alle Patienten, die stationär psychiatrisch behandelt werden, der Polizei zu melden und ihre Daten für fünf Jahre zu speichern.

Dennoch zeigt sich leider abermals, dass ein solches öffentlich diskutiertes Vorpreschen viel kaputt machen kann: Wenn das Pochen auf Sicherheit individuelle Krankheitsbilder stigmatisiert, kann das jeden noch so kleinen Fortschritt zunichtemachen.