Selten können wir so weit in die Vergangenheit blicken wie als Zuschauer einer königlichen Hochzeit. Das System der europäischen Monarchien ist mehr als ein Jahrtausend alt, unendlich oft hat diese Institution sich gewandelt. Längst ist die monarchische Gewalt über Leben und Tod abgestorben, ebenso die über Krieg und Frieden. Statt der Krönung, die einst den Herrscher zum Gesalbten des Herrn machte, gibt es außerhalb Großbritanniens nur noch Vereidigungen, bei denen man die Krone bestenfalls noch auf samtenem Kissen vorzeigt. Lediglich eine Zeremonie hat alles überlebt: die königliche Hochzeit. Ein Ritual, das uns bis heute fasziniert. Muss man da nicht annehmen, dass königliche Hochzeiten uns selbst dann vertraut vorkämen, wenn wir in der Zeit zurückreisen könnten?

Die Kanonen, an denen wir am 7. April 1768 vorbeigehen müssen, um in die Wiener Augustinerkirche zu kommen, stehen wie heute allein zum Salutschießen da. Auch der Einzug des römisch-kaiserlichen Hofes in die Kirche ist in seiner Pracht genau so, wie wir ihn erwartet haben, und nur ein Pedant oder Eventmanager würde sich daran stören, dass er direkt aus der Wand an Wand gelegenen Hofburg erfolgt, ergo für die Einwohner der Kaiserstadt vollkommen unsichtbar bleibt. Vielleicht will ja die Kaiserin-Königin ihre Privatsphäre schützen? Natürlich nicht. Bedrohliche Medien gibt es damals ebenso wenig wie überhaupt die Idee eines Privatlebens für Hochgeborene. Aber warum sollte man das Volk zuschauen lassen, auf dessen Meinung es sonst auch nicht ankommt? Für die, die zählen, reicht die kleine Hofkirche, und so sehen jetzt nur sie dabei zu, wie Kaiserin Maria Theresia ihre 15-jährige Tochter Marie Charlotte zum Altar führt, die als Ehefrau eines Italieners ab heute Maria Carolina heißen wird.

Schon fragt der Erzbischof von Ephesus die junge Frau, ob sie Ferdinand, König Beider Sizilien, heiraten wolle, schon hört man sie "Ich will es" antworten, wie es zuvor der neben ihr stehende Ferdinand getan hat. Dann intoniert der Chor den Ambrosianischen Lobgesang, während draußen die Kanonen dröhnen; die Hofgesellschaft bricht in Tränen aus, weil sie weiß, dass diese Prinzessin ihr Heimatland gleich für immer verlassen wird, und nur wir bleiben umso verwirrter zurück.

Sicher, wir haben den 13 Jahre alten Ferdinand gesehen, der da vorne das Jawort sprach – aber wir wissen auch, dass er der Bruder der Braut ist, und so ahnen wir spätestens jetzt, dass man noch weiter zurückreisen muss, um diese fremde Welt zu verstehen.

Wenn es einen Zeitpunkt gibt, mit dem die Geschichte der europäischen Königshochzeiten beginnt, dann ist es jener Januartag des Jahres 414, an dem der Westgotenkönig Athaulf die römische Kaisertochter Galla Placidia heiratet.

Das römische Kaisertum hatte in Heiratsdingen mit allem Folgenden noch fast gar nichts gemein. Es war ein Imperium ohne gleichberechtigte Nachbarstaaten, dessen Herrscher sich schon deswegen nur mit Untertanen verheiraten konnten. Vor allem aber fand man hier auch nur kurzlebige und unverbundene Dynastien. Die Mehrheit der römischen Kaiser waren Emporkömmlinge, die ihre Ehen lange vor dem Machtantritt auf ganz normale Weise schlossen.

Dass sich dies ausgerechnet durch die Ehe Athaulfs und Galla Placidias ändern wird, kann damals niemand ahnen, zumal die Verbindung kinderlos bleibt und nach gerade mal einem Jahr mit der Ermordung des Ehemannes endet. Dennoch hat hier nicht nur zum ersten Mal seit einem halben Jahrtausend ein europäischer Herrscher die Tochter eines anderen Herrschers geheiratet: Mit dem Westgotenreich entsteht auch das erste jener germanischen Königtümer, die das Römische Reich ersetzen werden. Nun erst gibt es gleich starke und religiös kompatible Monarchien, nach deren Vorbild sich in den nächsten Jahrhunderten weitere Königtümer bilden. Spätestens zu Anfang des 11. Jahrhunderts existiert – Byzanz hinzugenommen – ein weltweit einzigartiges System gleichberechtigter Reiche, das tausend Jahre lang bestehen wird.

Für die dynastische Politik sind Kinder bloß Schachfiguren

Die Heiratspolitik der Monarchien ist von Anfang an gleichermaßen von Macht und Glaube bestimmt, was je nach Zeit sehr verschiedene Konsequenzen hat. Die Könige des Frühmittelalters beispielsweise sind trotz nomineller Christianisierung noch nahezu polygam. Ihre Ehefrauen können sie jederzeit verstoßen; außereheliche Kinder indes behandeln sie selbst bei der Thronfolge oft gleichberechtigt.

Bald weichen diese Spielregeln jedoch rigideren Normen. Dabei gehen die außerehelichen Beziehungen keineswegs zurück. Wohl aber setzt sich um das Jahr 900 nach und nach die Regel durch, dass nur die Kinder der einen rechtmäßigen Ehefrau königlichen Status erben können.