Keiner gibt es zu, jeder bezichtigt den anderen: "Tribalist" ist das beliebteste Schimpfwort der kenianischen Politik. Und leider trifft es auf die allermeisten Politiker zu.

Ein Tribalist, das ist der Vertreter eines Stammes (auf Englisch tribe), der sich vor allem für seinen eigenen Stamm einsetzt und sich wenig um das Allgemeinwohl schert. Eine, so könnte man meinen, überholte, archaische Figur, für die es keinen Platz gibt in einem modernen Staat.

Wobei, für wen macht noch mal Donald Trump Politik? Wer sich mit dem Tribalismus beschäftigt, lernt nicht nur etwas über Kenia, sondern auch, welche Folgen es hat, wenn Politik nur noch für die eigene Gruppe gemacht wird.

Kenia ist ein Land mit vielen Stämmen. Offiziell gibt es 43, zählt man alle Untergruppen hinzu, kommt man auf mehr als 70. Natürlich würde kein kenianischer Politiker in sein Programm schreiben: "Kikuyu first", oder: "Alles für die Luo". Doch hinter dem Dekor von Verfassung und viel beschworener nationaler Einheit bestimmt ethnische Mobilisierung die Dramen der kenianischen Politik. Nicht links und rechts streiten gegeneinander oder Marktliberale gegen Sozialdemokraten. Der Stamm ist die entscheidende Kategorie.

Kenia ist eines der fortschrittlichsten Länder Afrikas, das Alte existiert neben dem Neuen. Man kann Viehhirten der Massai und Samburu besuchen, die traditionell leben, beim Weiden ihrer Herden aber bisweilen ein Smartphone zücken. Nur ein paar Stunden Autofahrt entfernt tüfteln die Entwickler, die Nairobi den Ruf eines Silicon Savannah eingebracht haben, an den neuesten Apps. Man findet hier eine vergleichsweise große Mittelklasse und einen ausgeprägten Unternehmergeist. Während einen im Senegal Taxifahrer gerne fragen, ob man nicht jemanden kenne, der ihnen ein Visum besorgen könne, oder eine Europäerin, die gerne einen Senegalesen heiraten würde, erzählen einem die Uber-Fahrer in Kenia von ihren neuesten Geschäftsideen.

Wie passt dazu der Tribalismus, eine vermeintlich archaische Form der Politik? Oder ist sie am Ende gar nicht so archaisch? Können ethnische Konflikte in einer modernen Regierungsform möglicherweise sogar besonders gut befeuert werden?

Man begegnet dem Tribalismus in vielen afrikanischen Ländern, in Demokratien genauso wie in Autokratien. In einigen, etwa im Südsudan, entladen sich ethnische Spannungen sehr viel gewaltsamer als in Kenia. Aber auch dort kam es nach der jüngsten Wahl im vergangenen Jahr zu tödlichen Auseinandersetzungen.

Zwei Männer aus zwei verschiedenen Stämmen stritten erbittert um die Macht. Uhuru Kenyatta, 56, der amtierende Präsident, einer der reichsten Männer des Kontinents, zählt zu den Kikuyu. Mit einem Anteil von 22 Prozent der Bevölkerung stellen sie die größte Ethnie des Landes. Sein Gegenspieler, Raila Odinga, 73, weiß die Mehrheit der Luo hinter sich, die mit 13 Prozent die drittgrößte Gruppe sind. Kenyatta hatte die Wahl im August gewonnen. Der Oberste Gerichtshof ordnete eine Wahlwiederholung an, weil es zu Unrechtmäßigkeiten gekommen war. Odinga boykottierte diese und erklärte sich nach Kenyattas erneutem Sieg zum Alternativpräsidenten. Die Lage schien verfahren, im Zuge des monatelangen Dramas kam es zu Aufständen, bei denen die Polizei laut Angaben von Human Rights Watch mehr als 100 Menschen tötete. Bis sich Kenyatta und Odinga im März überraschend einigten. Die Krise scheint fürs Erste überstanden zu sein, der Konflikt zwischen den Ethnien kann aber jederzeit wieder angefacht werden.