Peter Stamm ist der Mann mit den zwei senkrechten Stirnfalten. Er sieht immer ein wenig nach Kopfweh aus; so, als suche er nichts so sehr wie Einsamkeit und Dunkelheit. In Wirklichkeit steht er im Scheinwerferlicht. Er ist berühmt. Er drängt sich nicht vor, er steht hin, auch politisch; ein Schriftsteller mit Haltung.

Vor Jahren kandidierte er auf der Liste der Grünen für den Gemeinderat in seinem Wohnort Winterthur, auch für den Kantonsrat und Nationalrat. Als die Weltwoche posaunte: "Kunst kommt von Kassieren", da widerlegte Künstler Stamm die Suada. Dass er offensiv sein kann, zeigte er auch 2008 bei den Solothurner Literaturtagen, als er Moritz Leuenberger, damals SP-Bundesrat, in ein lebhaftes Gespräch verwickelte. Nun erhält er ebendort den Solothurner Literaturpreis 2018.

Was ist dran an Peter Stamm?

Der Glaube, das Werk eines Autors sei im Gespräch mit ihm besser zu verstehen, gehört zu den kühnsten Fehlleistungen des Journalismus. Doch besondere Ereignisse wie der Literaturpreis erfordern besondere Maßnahmen. Wir verabreden uns im badischen Freiburg, im Bahnhofsrestaurant. Er ist mit seinem neuen Roman auf Lesereise und legt um 14 Uhr einen Zwischenstopp ein. Per Mail kündigt er sich an: "Mein Zug kommt um 13.59 an, also werde ich eher fünf Minuten nach zwei da sein."

Kommt es auf fünf Minuten an? Ja. Zahlen zählen. Peter Stamm, Sohn eines Buchhalters, absolvierte eine kaufmännische Lehre und arbeitete zeitweise selber als Buchhalter. Bei aller Vagheit ist er präzise. Auch jetzt. Es klappt. Sein Zug kommt um 13.59 Uhr an, und fünf Minuten nach zwei ist er da.

Auf dem Bahnsteig wirkt er mit dem Rollkoffer so durchschnittlich, dass man ihn zunächst nicht erkennt. So sind auch seine Erzählungen. Man kann sie leicht für durchschnittlich halten, nur weil sie von Durchschnittsexistenzen handeln. Menschen treiben aufeinander zu und nebeneinander voneinander weg. Viele seiner Figuren brechen auf, reisen los, doch danach ändert sich kaum etwas.

"Ich bin ja Buchhalter": Peter Stamm, 55, Schriftsteller © Maurice Haas/13 Photo

Der Bahnhof ist mithin ein passender Ort, um Peter Stamm zu treffen. Wie der Theatermacher Marthaler ein Meister des Wartesaals ist, so ist der Schriftsteller Stamm ein Meister des Flüchtigen. Er zeichnet Paare wie Passanten, en passant, wie ein Beobachter auf dem Perron. Und dann passiert das Unerwartete, eine tückische Winzigkeit genügt.

Dazu passt, dass wir uns in einem Restaurant verabredet haben, das heute geschlossen hat. Zuerst eine Zigarette. Dann zum Gespräch in eine nüchterne Hotellobby. Auch gut. Sachlichkeit ist elementar für Stamms untergründiges Schaffen: "Dem Kitsch entgehst du durch Genauigkeit." Genau.

Um genau zu sein: Im Gespräch mit Peter Stamm hat man zunächst das Gefühl, es funktioniere nicht. Warum? Er wirkt ein bisschen wie seine Texte: offen und verschlossen zugleich. Er antwortet zwar frank und frei auf private Fragen. Seine Partnerin ist eine Zürcher Modedesignerin, es gibt zwei Söhne. Nach Aufenthalten in New York, Paris, Skandinavien und fünf Jahren Zürich lebt er wieder in Winterthur, im Kindheitsland. Nur: Ist das wichtig für seine Prosa?

Nebenan in Weinfelden wuchs er auf: "Ich bin ein Hügelbewohner", sagt er. Nur: Inwieweit die Mittellage auch sein Werk prägt, das lässt er im Ungefähren. Ungefähre Landschaft, so heißt einer seiner Romane. Einige seiner Erzählungen spielen zwar am heimatlichen See – doch unter der Oberfläche warten spitze Pfähle auf den Wasserspringer. Ein Unfall? Selbstmord? In der Heimat und im Heim wabert Befremdliches. Und umgekehrt: Was wir für Entfremdung halten, ein Kaufzentrum etwa, kann bei Stamm beruhigend sein.