In Zukunft sollen mehr Pflegefachkräfte studieren. Das wird das Berufsfeld verändern.

"Man kann niemandem vermitteln, dass man zum Bettenmachen einen Bachelor braucht", sagt Andreas Büscher. Er ist Professor für Pflegewissenschaft an der Hochschule Osnabrück und Wissenschaftlicher Leiter des Deutschen Netzwerkes für Qualitätsentwicklung in der Pflege. Die Hochschule, an der er lehrt, bietet seit rund 25 Jahren Pflegestudiengänge an, und trotzdem kämpfen Pflegewissenschaftler wie er immer noch gegen ein falsches Bild ihrer Fachs.

"In der öffentlichen Meinung ist Pflege eine niedrige Tätigkeit", sagt Büscher. Einmal mit dem Waschlappen durchs Gesicht fahren, zur Toilette bringen, Kissen aufschütteln und Essen bringen, so etwa stellt man sich die praktische Arbeit vor. Dafür bräuchte man tatsächlich keinen Bachelorabschluss. Allerdings sieht die Realität anders aus, und welche Rolle Akademikern darin zukommt, wird sich bald ändern. Um diesen Umbruch zu verstehen, muss man einen Blick zurückwerfen.

In den achtziger Jahren wurden in Deutschland die ersten Studiengänge für Pflegemanagement angeboten. In den Neunzigern folgte Pflegewissenschaft, vor allem für examinierte Pflegekräfte, die zum Beispiel eine Heimleitung übernehmen wollten. Nach und nach boten die Hochschulen immer mehr Studiengänge an. Rund 150 Bachelorstudiengänge gibt es heute unter dem Begriff "Pflege" in ganz Deutschland. Die meisten pflegewissenschaftlichen Angebote haben einen Praxisbezug. Oft muss man bereits eine abgeschlossene Pflegeausbildung vorweisen, oder man absolviert sie parallel zum Studium. Das Lernen an der Hochschule war ein Plus für die Ehrgeizigen oder die besonders Interessierten. Für die praktische Tätigkeit blieb die Ausbildung der Standard.

Ans Bett kommt jetzt der Bachelorabsolvent

Bis jetzt. Denn im vergangenen Jahr wurde ein neues Pflegeberufegesetz verkündet, im Jahr 2020 soll es vollständig in Kraft treten. Darin ist festgelegt, dass nicht nur die Ausbildung, sondern auch ein Studium für den Beruf qualifiziert. Nach dem Pflegestudium haben die Absolventen den Bachelorabschluss und dürfen die Berufsbezeichnung Pflegefachmann/Pflegefachfrau führen. Das Gesetz gleicht einer öffentlichen Anerkennung, dass die Hochschulen nicht nur zur Wissenschaft, sondern auch zur Pflegepraxis etwas beitragen können. "Jetzt ist die Akademisierung festgeschrieben", sagt Gertrud Stöcker vom Deutschen Berufsverband für Pflegeberufe (DBfK). "Das begrüßen wir sehr."

Sie und andere versprechen sich viel davon. Die an den Hochschulen ausgebildeten Pflegefachkräfte sollen zwar nach wie vor auch praktische Tätigkeiten lernen, also "am Bett" arbeiten, wozu die Hochschulen mit Krankenhäusern oder Pflegeheimen kooperieren müssen. Sie sollen aber auch das wissenschaftliche Rüstzeug an die Hand bekommen, um die Pflege zu verbessern. Sie sollen Konzepte entwickeln, Entscheidungen treffen und wissenschaftliche Erkenntnisse in die Praxis umsetzen.

Dass die Hochschulen dies vermitteln können, zeigt zum Beispiel eine Auswertung von Modellstudiengängen der Berufsgruppen Physio- und Ergotherapie, Logopädie und Hebammenkunde für den Bundestag.

Denn dass sich die Anforderungen in der Pflege verändert haben, ist unumstritten. Menschen werden älter, die Liegezeiten im Krankenhaus kürzer, chronische Krankheiten und Mehrfacherkrankungen nehmen zu. Pflegebedürftige und ihre Angehörigen müssen informiert und beraten werden.

Das Studium soll den Beruf auch attraktiver machen und damit langfristig den Nachwuchs sichern. "Man gibt Menschen in der Pflege eine Perspektive, die sie sonst woanders suchen würden", sagt Büscher. Auch gegenüber den Ärzten soll das Ansehen der Pflege steigen, wenn die Fachkräfte ebenfalls einen Hochschulabschluss haben.

Ein Problem der Pflege sei bislang gewesen, dass schlecht oder kaum Ausgebildete die Pflegebedürftigen versorgt hätten. "Man hat jeden in den Kittel gesteckt, der sich hineinstecken ließ", sagt Büscher. Wenn die Fachkräfte besser qualifiziert seien, käme das auch den Alten und Kranken zugute. Wie komplex die Pflege sei, erkennt man zum Beispiel daran, wie unterschiedlich man auf einen Körperbehinderten, einen Schwerstkranken oder einen Dementen eingehen muss. "Mit 'einfach waschen' ist es nicht getan", sagt Büscher.

Wie sich das Nebeneinander von zwei Arten von Pflegefachkräften, denen mit Hochschul- und denen mit Fachschulabschluss, langfristig auswirken wird, ist noch eine offene Frage. Werden sich die Höherqualifizierten mit demselben Gehalt zufriedengeben? Oder wie soll ein höheres Gehalt finanziert werden?

Der DBfK hofft, dass die Qualifikation an der Hochschule die Zukunft ist. Büscher sagt: "Ich sehe nicht, dass wir nur akademische Pflegekräfte brauchen." In der Pflege gebe es genug Platz für alle, von der Hilfskraft bis zum Promovierten. "Wir brauchen aber eine ehrliche Diskussion, was das beste Verhältnis wäre", sagt er. Für einen Mix aus Kompetenzen plädiert zum Beispiel die Robert-Bosch-Stiftung in ihrer neuen Denkschrift mit dem provokanten Titel Mit Eliten pflegen. Der Wissenschaftsrat hat sich 2012 für eine Quote von zehn bis zwanzig Prozent Akademikern pro Ausbildungsjahrgang ausgesprochen. Das gilt noch als Richtlinie.

Zunächst müssen nun die Hochschulen ihre Angebote ausbauen und sich um einheitliche Qualitätsstandards bemühen. Die Hochschul-Absolventen haben dann die Aufgabe, zu zeigen, dass sie einen wirklichen Mehrwert für die Pflege darstellen. Nicht nur in der Theorie, sondern auch "am Bett".