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Türkei, Ende der siebziger Jahre ... Auf den Straßen fließt Blut. Rechte und Linke bekämpfen sich brutal. Täglich melden die Zeitungen den Tod etlicher junger Leute.

Recep Tayyip Erdoğan, geboren im Februar 1954, ist zwar kaum in die Kämpfe verwickelt, ist jedoch als Vorsitzender der Jugendorganisation einer islamistischen Partei mitten im Geschehen. Er hält hitzige Reden auf Istanbuls Plätzen, rezitiert Gedichte des konservativen Lyrikers Necip Fazıl Kısakürek, erzählt begeistert von dem Kampf, den er und seine Verbündeten "gegen EWG und IWF" führen.

Bei einem Protestmarsch für einen getöteten Kameraden stellt sich ihnen die Polizei entgegen. Was tun? Auf die Polizei losgehen oder den Rückzug antreten? Erdoğan findet einen dritten Weg: Er breitet sein Jackett auf dem Boden aus und kniet zum Gebet nieder. Die anderen folgen seinem Beispiel. Die Polizei wartet das Ende der "Aktion" ab und bringt Erdoğan und seine Kameraden anschließend auf die Wache. Am nächsten Abend ziehen sie erneut los, um Plakate für ihre Partei zu kleben. Als Tayyip nachts heimkehrt, umarmt ihn seine weinende Mutter, die betend auf dem Balkon auf ihn gewartet hatte. Wie Millionen Mütter in jenen Jahren ...

Und auf der anderen Seite der Front? Auch hier herrscht ein unerbittlicher Kampf. Nicht bloß gegen die Nationalisten und Islamisten, es herrscht auch ein blutiger Streit zwischen verschiedenen Fraktionen. Die linke Jugend von Istanbul ist sehr heterogen. Muharrem Ince, geboren im Mai 1964, hütete in der Kindheit im Dorf das Vieh. Während seine Freunde Fußball spielten, las er lieber Bücher. Er geht zwar zum Freitagsgebet, liest aber auch Gedichte des kommunistischen Dichters Nâzım Hikmet. Er begeistert sich für Politik und will Ministerpräsident werden. Abends geht er mit Freunden los, um Plakate für die sozialdemokratische Partei zu kleben. Kommt er nachts heim, wartet auf dem Balkon seine Kopftuch tragende Mutter, die für ihn gebetet hat. Wie Millionen Mütter in jenen Jahren ...

Diese beiden jungen Männer, die Ende der blutigen siebziger Jahre die politische Bühne betraten, liefern sich im Augenblick einen unerbittlichen Wettkampf, um erster Präsident der Türkei im neuen System zu werden. Erdoğan hatte seine Kandidatur längst erklärt. Die Oppositionsführerin CHP stellte Ince erst im letzten Augenblick gegen Erdoğan auf. Der Kandidat vereint zahlreiche Vorteile auf sich. Er ist ein hervorragender Redner, genau wie Erdoğan. Er kommt gleich ihm aus einer armen, frommen Familie. Er betet, trinkt aber auch Alkohol. Sein Profil schreckt die gläubigen Kreise nicht ab. Da er sich andererseits – entgegen dem Parteibeschluss – gegen das Gesetz stellte, mit dem die Immunität kurdischer Parlamentarier aufgehoben wurde, um sie verhaften zu können, wird angenommen, dass auch Kurden ihm ihre Stimme geben könnten. Den Wahlkampf startete er vergangene Woche mit Freitagsgebet und Familienbesuch. Sein erstes Wahlversprechen lautet, Erdoğans Prachtpalast in eine Universität umwandeln zu wollen.

Wenn bei den Wahlen am 24. Juni kein Kandidat mehr als 50 Prozent erhält, treten in der Stichwahl zwei Wochen darauf vermutlich Erdoğan und Ince gegeneinander an. Dann wird sich zeigen, wessen Plakate an den Mauern des neuen Systems hängen werden.

Aus dem Türkischen von Sabine Adatepe