In der kleinen Serie "Wo ist Europa schöner?" lassen wir Regionen, Städte, Seen und Inseln gegeneinander antreten. Hier schreibt Stefanie Flamm, warum es in der Toskana viel schöner ist als in der Provence. Nächste Woche: Lissabon oder Porto?

Der perfekte Moment ist der, in dem die Sonne hervorbricht. Ich habe Cassis im Regen erreicht. Das Wasser hat die steilen Gassen in Sturzbäche verwandelt. Gluckernd bahnt es sich seinen Weg von den Weinhängen ins Mittelmeer. Mit nassen Füßen stapfe ich über die Promenade. Die weißen Boote schwappen träge mit den Wellen. Es riecht nach Tang und frisch gewaschener Luft. Binnen Minuten wechselt die See ihre Farbe, von Wolkengrau zurück zu Blau, diesem übernatürlichen Blau. Und bald glänzt die ganze regennasse Stadt wie ein Ölgemälde.

Für diesen Moment ist es wieder wie früher, wie bei meiner allerersten Reise in die Provence. Die ersten Palmen, die ersten Klatschmohnfelder, die ersten wehenden Sommerkleider an braunen Frauenbeinen. Ich war ein Junge aus dem Rheinland; ich kannte so etwas nicht. Mir war, als hätte ich dreizehn Jahre lang eine Sonnenbrille getragen, und nun stand ich im Licht.

Die Provence hat mir seitdem noch viele Farben gezeigt: den Sonnenaufgang durch ein Zeltdach am Strand von Toulon. Das Tarnfleckmuster der Platanen in Aix. Das Rostrot der Bouillabaisse in den Hafenpinten von Marseille. Das milchige Lila der Lavendelfelder in Ich-weiß-nicht-mehr-wo. Diesmal beginne ich meine Reise dort, wo ein Kind hinfahren würde.

Und es macht Spaß, nach all den Jahren auf dieser Brücke zu stehen. Auf der, wo sie alle tanzen, on y danse tout en rond. Der Pont Saint-Bénézet in Avignon ist sieben Jahrhunderte älter als das Volkslied. Und in seinen besten Tagen muss er eine Sensation gewesen sein: die längste Brücke des Abendlands. Heute braucht man ein wenig Fantasie. Das erhaltene Teilstück ragt wie ein steinernes Sprungbrett über der Rhône. An Tanzgesellschaften war hier oben übrigens nie zu denken – der Steg ist zu schmal.

Egal, das Volkslied kündet von einer höheren Wahrheit: Avignon war und ist eine fröhliche Stadt. "Das Babylon des Westens" hat der sittenstrenge Dichter Petrarca sie einmal genannt. Er war im Gefolge der Päpste von Italien in die Provence übersiedelt und beobachtete mit Entsetzen, wie der Klerus hier die weltlichen Freuden entdeckte.

In der Provence prallt katholische Glaubenspracht auf französische Genussfreude. Das sieht man bis heute – und nirgends so gut wie in Avignon. Über der Stadt thront, nein, kein goldenes Kalb. Aber man muss daran denken, wenn man die vier Tonnen schwere Marienstatue über dem Papstpalast sieht. Und zu Füßen der Madonna haben die Leute Spaß. Ein Nostalgie-Karussell dreht seine Kreise; ein Mann spielt Akkordeon. Im Sterne-Restaurant völlern sie mit Austern und Foie gras. Eben erst wurde ein immenser Tempel zu Ehren des Rhône-Weins eröffnet. Mit geistlichem Segen, könnte man sagen: Unter den 7.000 Flaschen ist auch mancher Châteauneuf-du-Pape, nur echt mit den eingravierten Schlüsseln Petri.

Diese Stadt kann bekehren. Man muss nicht einmal in ihre vielen Kirchen gehen. Es genügt, wenn man sie als Wegweiser benutzt. Einfach auf einen der Türme zulaufen, von denen es in Avignon sicher ein Dutzend gibt. Und schon findet man sich auf einem städtischen Dorfplatz mit Brunnen und Konditorei. Oder in einem Magnoliengarten, den ein Klosterbruder vor Jahrhunderten angelegt hat.

Und auf welcher Bank, auf welchem Gartenstuhl man auch Rast macht: Von irgendwoher blickt ein Augenpaar gütig auf einen herab. In viele der Häuserfassaden sind steinerne Madonnen eingelassen; manche von ihnen schon verwittert oder so klein wie Puppen. Les oubliés nennt man sie hier. Diese Stadt kann es sich erlauben, ein paar Details zu vergessen. Wer vom Brückenstummel ans andere Ufer schaut, erkennt die Silhouetten der Klöster und Paläste von Villeneuve. Das nennen sie hier die Neustadt, schon ein Jahrtausend lang. Finsteres Mittelalter? In der Provence möchte man glauben, dass es gestrahlt hat.

Arles ist noch älter, voller Antike; aber nicht darum fahre ich hin. Sondern wegen des Mannes, der hier das Licht gesehen hat. Vincent van Gogh kam 1888 hier vorbei und blieb für mehr als ein Jahr. Das Amphitheater interessierte ihn wenig; die berühmten Stierkämpfe in der Arena besuchte er nicht einmal. Was ihn bannte, waren die Farben der alltäglichsten Dinge, die er wie im Fieber zu malen begann. Seinem Bruder schrieb er, was er sah: rote Weinstöcke, lila Berge, den ultramarinen Nachthimmel mit rosa Sternen darauf.