Es fing an als eine dieser satirischen Aktionen des Moderators Jan Böhmermann, der sich vor zwei Wochen mit Sturmmaske und Stahlhelm vor die Kamera setzte, das Grundgesetz in der Hand, und dazu aufrief, "den Wichsern, die uns den Spaß am Internet verderben, den Spaß am Internet zu verderben". Gemeint waren die sogenannten Hass-Trolle, die mit ihren populistischen und beleidigenden Postings den Tonfall im politischen Online-Diskurs beeinflussen – und bislang ohne nennenswerte Gegenreaktion ihr Unwesen treiben. Jetzt sieht es so aus, als habe Böhmermann, wie er vergangene Woche sagte, mit diesem Beitrag "aus Versehen eine Bürgerrechtsbewegung ins Leben gerufen".

Aktuell bieten über 50.000 Teilnehmer, die sich auf dem Chatserver seiner "Reconquista Internet" organisieren, dem "Hass-Trolling" und Populismus im Netz Paroli. Sie kapern Hashtags, beeinflussen Umfragen und reagieren moderierend und beschwichtigend auf beleidigende Posts und Kommentare: "immer freundlich, verständnisvoll, vernünftig und zugeneigt", wie es im Reconquista-Internet-Kodex heißt, der mit dem ersten Artikel des Grundgesetzes beginnt. Sie erzielten innerhalb kurzer Zeit eine derartige Dominanz und Reichweite, dass man sich die Augen rieb. Möglicherweise erfährt das viel gescholtene soziale Netzwerk aus Facebook, Twitter, YouTube, Twitch und Co., das durch Hetze, Propaganda und Hass schon als "asoziales Netzwerk" in Verruf geraten ist, in diesen Tagen eine tief greifende Wandlung.

Ausgangspunkt der Aktion ist eine einjährige Recherche des Netzwerks funk von ARD und ZDF, deren Ergebnisse der YouTuber Rayk Anders unter dem Titel "Lösch dich!" Ende April auf seinem Kanal veröffentlicht hat. Ein kleines Team aus Journalisten und Experten war in die Tiefen der organisierten Rechten im Netz eingetaucht und ist dabei auf ein Netzwerk namens "Reconquista Germanica" gestoßen. Dahinter verbergen sich rund 6.000 Nutzer, die, streng hierarchisch organisiert, mithilfe von Fake-Accounts diffamierende und populistische Inhalte verbreiten und ausgesuchte Ziele in sozialen Netzwerken angreifen – "organisierte Volksverhetzung, gezielte Einschüchterungsversuche und Manipulation mit illegalen Mitteln" nennt Böhmermann das in dem Neo Magazin-Beitrag. Ungeliebte Accounts, Posts, Videos oder Kommentare werden binnen weniger Minuten mit Dislikes und Beschimpfungen überschüttet. Die Gruppe likt und teilt die Äußerungen ihrer Mitglieder gegenseitig – laut funk-Recherche sind auf diese Weise nur fünf Prozent der Accounts verantwortlich für 50 Prozent der Likes unter einem Hass-Post. Diese scheinbare Mehrheit verzerrt das Bild der Meinungsverhältnisse und kann Dritte beeinflussen bis hin zu Wahlentscheidungen. Im Zusammenhang mit der letzten Präsidentschaftswahl in den USA behaupteten die Trolle gar von sich, Trump in sein Amt "geshitpostet" zu haben. Auch in Deutschland versuchte man Ähnliches: Der ultrarechte YouTuber Nikolai Alexander, Gründer der Reconquista Germanica, rief im September 2017 in einem Video dazu auf, "die AfD so stark wie möglich in den Bundestag zu hieven".

Zehntausende Nutzer meldeten sich nach Böhmermanns Aufruf auf dem Server der Gegenbewegung an. Die Verifizierung eines Accounts via Einsendung eines Fotos dauerte mehrere Stunden, die Teilnehmerzahl wuchs weiter und weiter, dann funktionierte plötzlich nichts mehr – der Server sei "unter der Last zusammengebrochen", hieß es von den Organisatoren. Als er zwei Tage später wieder online ging, war es wie ein Fest: In millisekundenschnellem Rauschen begann der Chat wieder zu rasen und zu blinken, unmöglich, alles mitzulesen.

Tatsächlich – und das stellten die Spontan-Guerillas der Reconquista Internet fest – ist die kollektive Einflussnahme im sozialen Web erschreckend leicht. Innerhalb weniger Stunden hatten die "Love-Trolls" am Tag der Arbeit den Hashtag #1mai mit ihren Inhalten besetzt, der bis zu diesem Zeitpunkt vor allem aus bunten Herzchen und freundlichen Wünschen bestand. Gleiche Kommunikationsstrategie, anderes Framing. Mittlerweile differenzieren sich die Inhalte: Die Teilnehmer reagieren auf populistische Postings, regen sachliche Diskussionen an. Online-Umfragen beeinflussen sie durch massenweises Abstimmen. Und: Sie setzen Themen, wie zuletzt die virtuelle Teilnahme am niederländischen Bevrijdingsdag am 5. Mai. Sonntagnacht strahlten sie die Dresdner Frauenkirche mit dem Spruch an: "Durchhalten, freundliches Dresden! Ihr seid nicht alleine!", verbreiteten die Fotos im Netz und starteten eine Kampagne zur positiven Darstellung der Stadt.

Dass die Gegenreaktionen kommen würden, war abzusehen: Mit Hashtags wie #BöhmermannGate und #Böhmermannsturm und spöttischen Posts über "Machtmissbrauch" halten die Reconquista Germanica und ihre Sympathisanten mit beachtlicher Ausdauer dagegen. Anonyme Größen der rechten Internet-Szene diskutieren das Phänomen auf neu gegründeten Channels. Manche fühlen sich zu Unrecht als "Trolle" diffamiert, wünschen sich größere Differenzierung. Das ZDF distanzierte sich von der Veröffentlichung jener Listen durch die Reconquista Internet, die Accounts beinhalten, die mit Profilen der Reconquista Germanica vernetzt sind. Im Netz tobt ein Überbietungskrieg. Was sich zunächst anfühlte wie eine Art Online-Strategiespiel, ist mittlerweile ein ernst zu nehmendes virtuelles Armdrücken um Reichweite, Themen und Tonfall geworden. Die Reconquista Internet ist ubiquitär, und sie macht diejenigen, die bisher den Tonfall angaben, nervös.

Das Gegenhalten ist anstrengend, die direkte Auseinandersetzung mit krudem Populismus eine Herausforderung. Wie kontinuierlich ist dieser "Aufstand der Anständigen", entwickelt er sich weiter? Möglich. Ein Projekt wie Wikipedia startete ähnlich spontan und idealistisch, mittlerweile existiert die Plattform in 295 unterschiedlichen Sprachen. Sollte Reconquista Internet irgendwann möglicherweise Menschen auf der ganzen Welt vernetzen, wäre das eine wirkliche Revolution.