Sie ist 75 Jahre alt und für mich der Inbegriff von Eleganz: Jeden Morgen nach dem Aufstehen dreht sie sich kleine Wellen in ihre blond gefärbten Haare und schminkt sich, immer dunkel, um ihre Augen zu betonen, die schon lange von Blau zu einem hellen Grau verblasst sind. Sie trägt ihren Schmuck in Gold, als Kette um den Hals oder als Reif ums Handgelenk. Wenn sie spricht, zeigt sie Bildung, ans Französische angelehnte Fremdwörter drängen so häufig in ihre Erzählungen, dass ich mir als Kind angewöhnt habe, vor allem auf den Kontext des Gesagten zu achten.

Heute trägt sie blaue Jeans und einen schwarzen Pullover, beides ist ihr zu weit und wirft Falten, ihren Schmuck hat sie zu Hause gelassen. Nur geschminkt ist sie auch jetzt. "Ein bisschen strahlen möchte ich schon", flüstert sie mir zu. Es ist Mittwoch, zehn Uhr, und wie jeden Mittwoch, Punkt zehn, klingelt Helga Hofmann an der Tür des Mehrfamilienhauses in einer Seitenstraße des oberfränkischen Städtchens Bad Staffelstein. Wie jedes der Häuser hier besitzt auch dieses einen kleinen Garten, wintergrüne Pflanzen, eigene Parkplätze – Dorfidylle, die mit den Grundstückspreisen einer Bäderstadt bezahlt werden will.

Helga Hofmann ist meine Oma. Ihre Wohnung liegt etwa 15 Minuten Fußweg von hier entfernt, in ihrer Straße wurden die Mieten lange nicht erhöht. Die Gehsteige waren dort irgendwann so porös, dass die Stadt sie abtragen ließ. Oma läuft die 15 Minuten nie. Stattdessen fährt sie fünf Minuten mit dem Auto. Nach zwei Stunden in diesem Haus ist ihr Körper so müde, dass es ihr schon schwerfällt, sich zurück ins Auto zu hieven.

Es knackt in der Sprechanlage, die Tür summt. Erster Stock links. Uns öffnet eine kleine Frau mit lichtem weißem Haar, sie geht leicht gebückt. "Pünktlich wie immer", sagt sie und lächelt. Oma wendet sich zum Bad und greift nach zwei pinken Gummihandschuhen, die sie aus einem dunkelblauen Plastikeimer zieht.

Ich war überfordert, als ich erfuhr, dass meine Oma putzen muss, um sich ihre Rente aufzubessern. Es war kurz nach Weihnachten: Wie jedes Jahr lud sie uns zum Essen ein, statt Rehbraten und Klöße zu Hause selbst zuzubereiten, reservierte sie einen Tisch im Stadtturm, einer der besseren Gaststätten der Stadt. Ich war zu Besuch bei meinen Eltern und hörte, wie sich meine Mutter am Telefon mit meiner Tante über die Einladung unterhielt. Man könne sie nicht annehmen. Die Mutti müsse schuften, damit man selbst sich vollstopfen könne.

Meine Oma? Putzen? Mit 75? Sie, die bei jedem längeren Spaziergang mehrere Pausen braucht? Ich stellte mir vor, wie sie auf allen vieren über Fliesen kriecht, wie ihre Schminke verläuft. Mir wurde übel. Wir nahmen die Einladung an, zahlten aber selbst. Oma wurde wütend. Wir würden ihr die Selbstständigkeit absprechen.

Tage später wählte ich ihre Nummer. Wie immer tönte das Freizeichen gerade dreimal, dann hob sie ab. Ob ich Silvester in München verbringe, wie die Stadt mir gefalle, wie sich das Leben mit meiner Freundin gestalte. Ich schob Antworten vor, bevor ich meine Frage stellte: Oma, wieso musst du putzen gehen?

Normalerweise webt Oma lange Sätze, in denen sie abschweift, um irgendwann doch wieder zum Thema zurückzufinden. Diesmal blieb ihre Antwort kurz: "Das Geld reicht nicht."

Wenn ich bisher an Altersarmut dachte, ging es um Menschen wie Petra Vogel; eine Putzfrau aus Bochum, die sich im ZDF mit der Kanzlerin anlegte, weil sie nach Ende ihres Arbeitslebens nur 656 Euro Rente bekommen wird und deswegen eine Grundrente fordert. Von 1.000, vielleicht 1.050 Euro. An meine Oma dachte ich nicht. 1.200 Euro beträgt die deutsche Durchschnittsrente, meine Oma bezieht 1.249 Euro und 47 Cent, fast doppelt so viel wie die Putzfrau aus dem Fernsehen. Oma kann also nicht arm sein. Oder?

Und doch – irgendetwas stimmt nicht. Ich muss mit ihr reden, aber nicht am Telefon, da bleibt Distanz. Ich werde sie besuchen, das habe ich viel zu lange nicht mehr getan.

Als Oma mir öffnet, blicke ich für einen Moment auf eine fremde Frau: Ihre Schultern hängen leicht, Falten zerknittern ihr Gesicht, ihr Lächeln ist müde. So habe ich sie noch nie erlebt.

Arbeit im Alter - »Zu Hause sagt dir niemand ein nettes Wort« Helga Schmidt arbeitet, wo Hipster sich vergnügen: Als Toilettenfrau in einer Bar verdient sie sich etwas zur Rente hinzu. Ein Videoporträt © Foto: Sarah Lehnert für ZEIT ONLINE

"Ich bin gesellschaftlich gescheitert"

Oma war immer stark und hatte für jedes Problem eine Lösung. Als meine Eltern mir zu meinem 13. Geburtstag noch keinen Hund kaufen wollten, fuhr sie mit mir zu einem Züchter und holte einen Welpen zu sich. Mit 16 flüchtete ich zu ihr, gefangen im ersten Liebeskummer – sie hörte zu, obwohl ich ihr einhundertmal dasselbe erzählte.

Heute sehe ich Oma nur noch alle paar Monate, sie hat sich extra für mich auf Facebook angemeldet und schreibt mir jeden Tag. Ich antworte nur auf jede dritte Nachricht. Wurde die Distanz so groß, dass ich es nicht bemerkt habe, wie es ihr immer schlechter ging?

Ihrer Wohnung sieht man keine Armut an, sie hat ein Ess-, ein Wohn- und ein Arbeitszimmer, das Parkett kleiden Perserteppiche, und die Bilder an der Wand zeigen Menschen in Paradeuniform des Militärs oder teurem Anzug – auf einem ist Oma zu sehen. Neben ihr lächelt Josef Neckermann, der legendäre Firmengründer schließt seine Hände um ihre. Wir sitzen in ihrem Lieblingsraum, dem Arbeitszimmer. Hier steht ihr Computer auf einem schlichten Schreibtisch aus hellem Holz einem weißen Sofa gegenüber. Das Neckermann-Bild hängt über ihrem Computer. "Mein anderes Leben", sagt Oma, als sie bemerkt, dass ich das Foto ansehe.

Oma beginnt das Gespräch mit der Vergangenheit. Sie erzählt von Breslau, aus der Stadt in Niederschlesien floh sie nach dem Zweiten Weltkrieg in ein Notquartier für Flüchtlinge im oberfränkischen Lichtenfels, zwei Zimmer, je sechs Quadratmeter klein, für Vater, Mutter und zwei Kinder. Die Mutter putzte jeden Tag, damit es wenigstens sauber war. Gäste kamen nie. Als Kind schämte sich Oma zu sehr für die Armut ihrer Familie, um Freundinnen einzuladen.

Oma erklärt mir, dass sie Abitur machen wollte, mit 14 Jahren beste Achtklässlerin des Gymnasiums war. "Du musst unbedingt studieren", sagten die Lehrer – und empfahlen die Geisteswissenschaften. "Du siehst nicht schlecht aus, du bekommst einen Mann", sagte ihr Vater – und nahm sie von der Schule.

Mit 16 heiratete sie. Mit 17 arbeitete sie in der Mützenfabrik, die ihr Ehemann geerbt hatte. Bald leitete sie die Buchhaltung, dann wechselte sie zu Neckermann. Schließlich wurde sie Oberinspekteurin beim Bund der Steuerzahler. "Ich habe mir versprochen, dass ich nie wieder dorthin absinke, wo meine Eltern waren", sagt Oma.

Wie sie dafür gearbeitet hat, weiß ich aus Erzählungen. Als Kind lag ich oft neben ihr im Bett, kuschelte mich in die Daunen und wünschte mir Geschichten aus dem wahren Leben. Oma erzählte, dass sie auf einen Bären getroffen war, als sie auf Dienstreise in Jugoslawien an einem Jagdausflug teilgenommen hatte. Sie erzählte von prachtvollen Empfängen, zu denen sie als Frau immer Röcke trug – Hosen waren nicht damenhaft und hätten Kunden verschreckt.

"Geld spielte keine Rolle", sagt Oma über damals. Heute stülpt sie jeden Mittwoch dieselben pinken Gummihandschuhe über, beginnt immer mit dem Bad, befreit zuerst die Spiegel von Kalk, wischt dann das Waschbecken aus. Bei hartnäckigen Flecken spült sie mit Essigsäure. Von "chemischem Zeug" hält sie nichts. Sie saugt das Esszimmer, wischt im Wohnzimmer Staub von Regalen mit kleinen Figuren aus Porzellan und Holz. Nach zwei Stunden ist ihre Kraft am Ende.

Meine Oma trägt gern Perlenhalskette und Goldring, dazu Chanel N°19, ihren Lieblingsduft; und geht jeden Mittwoch putzen, um die Rente aufzubessern. Wie passt das zusammen? Wenn es um Armut geht, antwortet Oma immer mit "man", niemals sagt sie "ich", als erzählte sie von etwas, das sie selbst nicht beträfe. Immer wieder frage ich nach. Bis ich mich fast wie in einem Polizeiverhör fühle: Ich dränge auf Antworten, sie weicht aus.

Irgendwann öffnet sie sich doch ein wenig. "Ich bin gesellschaftlich gescheitert. Mal Theater, mal Konzert, mal ein Stück Torte im Café, das habe ich genossen in meinem anderen Leben", sagt sie. "Heute schmerzt das Geld, wenn ich ein Glas Wein bestelle." Ihre Stimme wird zum Satzende hin lauter – sie klingt empört.

"Es gibt keine Alternative"

Das "andere Leben", wie meine Oma es nennt, endet am 29. Oktober 2009 mit Schlagzeilen: Betrugsverdacht. Schneeballsystem. Über 200 Millionen Euro Schaden. Manager in U-Haft. Auf Anraten von Anlageberater und Bank hatte Oma, eigentlich meine ganze Familie, in den K1-Hedgefonds des Würzburger Milliardärs Helmut Kiener investiert. Noch heute wühlen sich Anwälte durch Akten, Hunderte Anleger fordern vor Gericht Entschädigung. Auch Oma.

Aber trotzdem – ihr bleibt doch noch die Rente.

Oma lächelt. "Eigentlich sollte ich mich nicht beschweren. Ich bekomme vergleichsweise viel. Es reicht trotzdem nicht." Sie nimmt einen schwarzen Kugelschreiber und ein Blatt Papier von ihrem Schreibtisch. Rente – 1249, 47 Euro, schreibt sie in zittrigen Buchstaben in die obere linke Ecke. Dem gegenüber setzt sie Ausgaben: 520 Euro Warmmiete, 29 Euro Krankenversicherung, 35 Euro Internet und Mobiltelefon, 68 Euro Sterbegeld, 44 Euro Strom, etwa 35 Euro Benzin ... Die Zahlen klettern eine A4-Seite nach unten, am Ende bleiben von der Rente wenig mehr als 100 Euro für Essen, Körperpflege, Freizeit. Das Chanel N°19? Geschenk einer Freundin zu Weihnachten.

Ich schaue auf die Zahlen und will das Ergebnis der Rechnung nicht akzeptieren. Zuerst klopfe ich die kleinen Beträge ab: Kabelanschluss, Rundfunkgebühren, Medikamente; nichts zu machen.

Brauchst du so eine große Wohnung, Oma? "Ich wäre mit weniger zufrieden", antwortet sie. Aber selbst ein Umzug in eine halb so große Wohnung käme sie durch die gestiegenen Mieten in Bad Staffelstein mittlerweile teurer. Brauchst du das Auto? "Natürlich – zum Einkaufen. Hin komme ich noch, aber mit dem Einkauf beladen zurück?", sie schüttelt den Kopf. Ein Untermieter? Der kann einkaufen und zahlt Miete. "Das geht doch nicht – schau dir den Schnitt der Wohnung an."

Zieh aufs Land, da sind die Mieten billig, hört Oma oft. Für Einkauf, Arztbesuch, Bankautomat müsste sie dann in die Stadt pendeln, das Benzin fräße die gesparte Miete. Dazu verlöre sie ihr soziales Umfeld. Schon zu den Mitgliedern des Rommé-Clubs hat sie kaum noch Kontakt, seit sie ihren Posten im Vorstand geschmissen hat. Gespielt wurde immer mit Einsatz. "Freunde habe ich nur noch wenige", sagt Oma und erzählt, dass sie jedes Mal ablehnte, sobald jemand sie anrief und sie einlud mitzukommen, ins Theater, in Konzerte oder Restaurants. Geschäftstermine, log sie. Sobald Oma den Hörer auflegte, weinte sie. In Wahrheit fehlte Geld.

"Halt gab mir schon immer der Kirchenchor", sagt Oma, "dort sind mir die liebsten Menschen." Morgen sei Probe, ich dürfe sie begleiten.

Oma hat ein Dach über dem Kopf, ihre Rente garantiert ihr das zum Leben Notwendige. Trotzdem bezeichnet sie sich selbst als arm. Wenn sie recht hat, wo beginnt dann Armut?

Arm ist, wer weniger als 60 Prozent des mittleren Einkommens besitzt, sagt eine EU-Konvention. Das schließt Oma aus, mit ihrer Durchschnittsrente liegt sie über dieser Grenze. Ein Durchschnitt allerdings, von dem der CDU-Politiker Jens Spahn sagt, er sei zu teuer, um ihn bei der Rente zu halten. In Talkshows streiten Politiker regelmäßig, wie viel Geld man zum Leben braucht, Wissenschaftler nennen in immer neuen Studien verschiedene Beträge. Die Armut meiner Oma aber entspringt keiner Statistik, sondern dem Gefühl, ein Leben verloren zu haben, in das sie sich zurückwünscht. Es gibt einen Begriff dafür: gefühlte Armut.

Bei der Chorprobe im Gemeindehaus entdecke ich meine Oma wieder, wie ich sie kenne: Sie steht im Mittelpunkt. Jeder sucht das Gespräch mit ihr. Alle schätzen sie, nur wenige gute Freunde wissen hier, dass sie putzen geht. "Ich habe mich zu sehr geschämt, es anzusprechen", erzählt Oma auf dem Heimweg. Regen dunkelt den Asphalt unter unseren Füßen. Dass sie sich so davor fürchtet, ihre Situation zu offenbaren, liegt auch am sozialen Hintergrund der anderen Chormitglieder. Die sind ehemalige Firmenbesitzer, Lehrer, haben Anwälte oder Ärzte als Kinder. Sie sind Teil der Gesellschaft, in die sich Oma hochgearbeitet hat aus einem Flüchtlingsleben. Seit das Geld nicht mehr reicht, gehört sie hier nicht mehr hin – so empfindet sie das. Als Buchhalterin hatte sie immer jemanden, der für sie putzte. Diese Arbeit nun für andere zu tun wirkt auf sie wie ein Eingeständnis gesellschaftlichen Scheiterns.

Oma nennt nur einen Grund, weshalb sie dennoch putzen geht: "Es gibt keine Alternative."

Zuerst habe sie als Telefonistin gearbeitet, wurde aber gekündigt. Maue Auftragslage. Danach habe sie Dutzende Bewerbungen geschrieben, Flyer verteilt, Inserate geschaltet – Absagen. Das Alter. Eine Fördereinrichtung wurde ihre erste Stelle. "Ich holte Flachmänner aus Toiletten, weit über den Rand war alles voll gepinkelt, und es stank so nach Urin, das brannte in der Nase. Zu Hause musste ich duschen – ich fühlte mich dreckig." Als ich das höre, möchte ich sie in den Arm nehmen. Aber Oma hasst Mitleid.

Zurück bei ihr zu Hause erzählt sie mir, dass sie aufhören will. "Ich schaffe es nicht mehr", sagt sie. Schon jetzt putze sie nur noch bei einer Frau, einmal in der Woche. Aufhören. Das klingt richtig. Oma sollte zur Ruhe kommen – dafür ist die Rente doch da. Und doch: Schon jetzt bezeichnet sie einen Cappuccino aus Fertigpulver zum Nachmittag als Luxus. Wie soll das Geld reichen ohne Arbeit?

"Ich weiß nicht", sagt sie, "aber es muss."

Der nächste Tag, ein Mittwoch: Omas Hände stecken in den pinken Handschuhen, wischen Staub von Holzregalen und gleiten über Spiegel, an denen Kalk klebt. Schon nach zehn Minuten atmet sie schwer, Schweiß glänzt in ihrem Gesicht.

Auf die Knie geht sie nie. Die Schminke hält. Die Gummihandschuhe um einen gelben Schwamm geschlossen, arbeitet Oma für das Glas Wein am Ende der nächsten Chorprobe.