Wie gut, dass der Deutsche Gewerkschaftsbund (DGB) die Menschheit endlich aus der kleinlichen Knechtschaft der Mathematik befreit. Da lebte sie Tag für Tag traurig vor sich hin in dem Glauben, dass zwei plus zwei halt vier ist und nicht fünf oder gar sechs sein kann. Aus diesem Gedankenkäfig gab es kein Entrinnen, was sich auch im Rentensystem niederschlug. Dort galt stets, dass eine schrumpfende Zahl junger berufstätiger Menschen schwerlich einer wachsenden Zahl alter Menschen eine gleichbleibend hohe oder gar steigende Rente zahlen kann, ohne danach selbst weniger zu haben. So einfach gestrickt war die Mathematik bislang.

Glücklicherweise schickte dann vergangene Woche der DGB seine Vorstandsfrau Annelie Buntenbach in den arithmetischen Ring, wo sie einen Hebel ansetzte, der Archimedes und Pythagoras auf die Matte legen würde. Anlässlich ihrer Berufung in eine Rentenkommission des Sozialministers stellte sie fest, die Arbeit der Kommission gehe "weit über mathematische Formeln hinaus", schließlich sei sie "durch und durch politisch". Buntenbachs Zielvorgabe: ein höheres Rentenniveau. Der Weg: mehr Beschäftigung und mehr Steuermittel für die Rente. Das Problem mit den wenigen Jungen und den vielen Alten löst das zwar nicht. Etwas mehr Beschäftigung wird das Ungleichgewicht nicht beheben. Und auch die seit Jahren sinkenden Produktivitätszuwächse machen wenig Hoffnung. Aber warum soll zwei plus zwei "mathematisch" unbedingt vier sein, wenn man "politisch" doch etwas ganz anderes beschließen kann. Nimm das, Archimedes!

Die gute Nachricht ist, dass die Kommission, was man unter anderen Umständen bedauern würde, nicht als Express-Kommission an den Start geht. Sie soll erst im Jahr 2020 Ergebnisse für die Zeit nach 2025 vorlegen, sodass ihre Mitglieder noch Zeit haben für den Rechenschieber.

Die schlechte Nachricht ist, was Sozialminister Hubertus Heil (SPD) bei der Vorstellung der Kommission noch angekündigt hat. Er plant, in diesem Jahr die sogenannte doppelte Haltelinie aus dem Koalitionsvertrag in ein Gesetz zu verwandeln, wobei dieser Schritt niemandem Halt geben wird, sondern vor allem haltlose Versprechen an Rentner und Beitragszahler macht: Das Rentenniveau soll einerseits nicht unter 48 Prozent sinken. Andererseits sollen Arbeitnehmer nicht mehr als 20 Prozent ihres Einkommens an die Rentenversicherung überweisen müssen. So die Beiträge der Arbeitnehmer nicht ausreichen, um die Ansprüche der Rentner zu bedienen, sieht der Koalitionsvertrag vor, die Lücke mit Steuermitteln zu schließen.

Die Sache mit der Lücke und den Steuermitteln klingt harmlos. Doch die Pläne des Ministers Heil haben Konsequenzen, die sich in ihrer finanziellen Desasterhaftigkeit erst erschließen werden, wenn die heute amtierenden Minister ihre steuerfinanzierten Pensionen beziehen. Nach Berechnungen des Max-Planck-Instituts für Sozialrecht und Sozialpolitik ginge es im Jahr 2035 bereits um einen Zuschuss in Höhe von 85 Milliarden Euro pro Jahr, fast ein Viertel der heutigen Bundesausgaben. Was Arbeitnehmer dann wegen der Haltelinie nicht als Beitrag an die Rentenversicherung bezahlen, wird ihnen eben über die Steuer abgenommen. Der Bund kann diese auf Einkommen erheben, was vor allem die Arbeitenden treffen würde. Oder er belastet den Konsum, was mittels eines erhöhten Mehrwertsteuersatzes Junge wie Alte träfe.

Heils "doppelte Haltelinie" verschiebt die Kosten der demografischen Entwicklung nur. Verschwinden werden sie so nicht. Um die Lasten einer alternden Gesellschaft für Kinder, Enkel, Großeltern und Urgroßeltern fair zu verteilen, müssten tatsächlich alle Generationen etwas beitragen: die Älteren, indem sie später in Rente gehen (was übrigens auch für die heute Jüngeren gilt, wenn sie älter werden); die Arbeitnehmer, indem sie höhere Beiträge zahlen; die Steuerzahler, indem der Bundeszuschuss steigt; und auch die Rentner, die sich auf geringer steigende Renten einstellen müssen.

Da hilft kein "politisches" Umdeuten. Was sehr wohl helfen würde, wäre ein Wechsel der Perspektive und eine Erzählung davon, was die Menschen gewinnen und schon gewonnen haben: Ein Deutscher, der heute das 65. Lebensjahr tatsächlich erreicht – das ist die aktuelle Regelaltersgrenze, um Rente zu beziehen –, hat im Schnitt noch fast 20 Jahre zu leben. Als Bismarck das Rentensystem 1891 einführte, waren es gut 10 Jahre, bei einer Regelaltersgrenze von 70 Jahren. Die Menschen bekommen also länger Rente ausbezahlt als früher, ganz zu schweigen davon, dass mehr von ihnen das Rentenalter überhaupt erreichen.

Die Rede von der "doppelten Haltelinie" ist seltsam unambitioniert. Angemessen wäre eine Renten-Agenda 2030, die Lasten generationenübergreifend verteilt. Damit sie beliebtheitsmäßig nicht als Hartz IV für Rentner endet, könnte sie mit einer Haltelinie verbunden werden, die den Bürgern keine Angst macht, sondern Hoffnung: mit einer höheren Mindestrente. Darüber kann eine reiche Gesellschaft nämlich sehr wohl politisch diskutieren, um der Altersarmut Einhalt zu gebieten. Beim Rest sollte sie auch an jene denken, die nach ihr kommen. Mathematik kann da nicht schaden.