Ein Gespenst geht um in der SPD: die Brandt-Bahr-Ostpolitik der Siebziger. Die wolle ihr Außenminister Heiko Maas verraten, echauffieren sich SPD-Granden, vorweg die ostdeutschen Regierungschefs. Was hat der Mann verbrochen? Er hat das Offenkundige festgehalten: Die "Russlandpolitik" müsse sich "an den Realitäten orientieren", und die seien gar nicht freundlich. Denn Moskau habe "teilweise" auf "Gegnerschaft" zum Westen geschaltet und agiere "zunehmend feindselig".

Die Diagnose ist richtig, die Evidenz reichlich, angefangen mit dem Raub der Krim und der indirekten Einverleibung der Südost-Ukraine. Die gewaltsame Verschiebung europäischer Grenzen hätte Willy Brandt gar nicht goutiert. Seine Ostpolitik, gesamteuropäisch gekrönt von der Helsinki-Schlussakte 1975, beruhte auf der Unverletzlichkeit der Grenzen, dem Gewaltverzicht und der Nichteinmischung. Giftanschläge im Ausland, Cyber-Attacken gegen Deutschland und Amerika, die Manipulation der Innenpolitik durch Fake-News-Sender wie RT Deutsch waren in den Ostverträgen nicht vorgesehen.

Vorgesehen war auch nicht die neue europäische Landkarte. Um Balten und Osteuropäer, Besitztümer des Kreml, musste sich Bonn damals nicht kümmern. Heute sind sie unsere Verbündeten – und Objekte russischer Begehrlichkeiten an der Außengrenze der Nato. Sie fürchten nichts mehr als eine freie Hand für Moskau bei der Wiederherstellung seiner Machtsphäre.

Die neuen Realitäten stören die Genossen nicht; stattdessen fallen sie über ihren Maas her, auch mit abstrusen Parolen: "Wir müssen gerade in schwierigen Zeiten im Dialog mit Moskau bleiben." Nur gibt es von Berlin über Paris bis Washington keinen Rede-Streik; gesprochen wird oft und überall. Sodann fordern die Maas-Regler, übrigens auch in der CDU/CSU, Vorleistungen wie den Abbau der Sanktionen. Einseitige Konzessionen nennt man "Besänftigungspolitik". Diese, besagt die Geschichte der Diplomatie, macht nicht satt, sondern verstärkt den Appetit.

Wie sollen Vorleistungen denn funktionieren? Wird Putin die Krim wieder ausspucken? Seinen Stellvertreterkrieg gegen die Ukraine abblasen? Den Völkermörder Assad fallen lassen? Der Mann ist gewiss kein klassischer Imperialist, sondern ein Opportunist. Er nimmt sich, was er kriegen kann, wenn Risiken und Kosten erträglich sind. Daraus folgt, dass die Genossen ein Gottesgeschenk sind, signalisieren sie ihm doch, er dürfe seine Gewinne kostenfrei einstecken. Dazu kommt ein hübscher Bonus: Die Putin-Fürsprecher in der SPD spazieren Hand in Hand mit der AfD, die den Alleinherrscher Wladimir I. geradezu bewundert.

Anders als seine Parteifreunde hat Maas die erste Regel aller Außenpolitik verinnerlicht: "do ut des", predigten die alten Römer – ich gebe, damit du gibst. Ich gebe aber nichts, solange du nur deine Macht ausspielst. Auch Russlandfreunde müssten checken, dass Putin auf Expansionskurs ist – und Linke, dass Russland nicht mehr das "Vaterland der Werktätigen" ist, sondern ein rechtsautoritärer Staat. Natürlich kann man auch mit solchen Staaten Geschäfte machen; Berlin kann sich seine Partner nicht backen. Aber die Geschäfte müssen auf Gegenseitigkeit beruhen. Leider hört man in Putins Partei "Einiges Russland" niemanden, der Verständnis für Merkel und Vorleistungen im Dienste wärmerer Beziehungen fordert.