Aufklärung ist wichtig. Ich wurde zum Beispiel jahrelang für eine Pornodarstellerin gehalten, weil die Eltern an der anthroposophischen Schule meiner Söhne alle keinen Fernseher besitzen und es Gerüchte gab, ich würde mein Geld mit Sex und Filmen verdienen. Also klärte ich auf. Seitdem sind die Elternabende noch verkrampfter, weil alle Angst haben, ich würde ihre dunkelsten Geheimnisse erkennen. Ich bin aber keine Hellseherin, sondern einfach nur jemand, der die Leute über Sex aufklärt.

Als Fernsehmoderatorin und Kolumnistin beschäftige ich mich seit mehr als zehn Jahren mit Sex. Inzwischen glaube ich, dass die Deutschen ein besonders verschämtes Volk sind.

Ich bin immer erstaunt, wie schnell der Reflex greift, dass jemand, der sich mit dem Thema beschäftigt, unseriös ist. Einmal habe ich für eine bekannte Tageszeitung einen großen Text darüber geschrieben, wie man besseren Sex hat, und sofort hagelte es Leserbriefe. "So was wollen wir hier nicht lesen", schrieb einer. "Ich bin sehr enttäuscht!" Man bekommt den Eindruck, dass wir in einem Land leben, in dem niemand gerne Sex hat. Oder wenn, dann gibt er es zumindest nicht zu. Denn "so was" macht man nicht.

Trotz Internet und diverser TV-Sendungen, trotz Büchern und Apps wie OMG Yes, die über die Lust der Frau aufklären, wissen die Menschen erstaunlich wenig über ihre Sexualität. Sie ahnen, dass es mit dem Ineinanderstecken nicht getan ist, die meisten wissen aber auch nicht, wie man den Schritt darüber hinaus macht. Ins aufgeklärte Nirwana sozusagen. Erwachsene sind für ihren eigenen Kram verantwortlich, aber was Kinder und Jugendliche betrifft, muss ich einfach ehrlich sein, weil ich ahne, dass es sonst niemand ist. Ich bin eine realistische Aufklärerin mit Tendenzen zur Radikalität. Ich finde, junge Menschen sollen alles wissen, was man über Sex wissen muss. Das meiste davon lernt man nicht in der Schule, und das wenigste davon hat tatsächlich mit Geschlechtsteilen zu tun. Warum es so wichtig ist, auf das Bauchgefühl zu hören etwa, oder wie man lernt, Nein zu sagen, ohne sich zu schämen.

Wenn ich in Schulen gehe, um Aufklärungsunterricht für 12- bis 18-Jährige zu geben, dann mache ich es absolut, und ich spare auch nicht mit den hässlichen Seiten. Zum Beispiel Körperhygiene. Ich finde, das Wort Smegma darf sich ruhig einbrennen. Dank mangelnder Körperhygiene geschehen die grauenvollsten Dinge. Ich werde nie vergessen, wie mein Mitschüler J. mit meiner Mitschülerin F. Sex hatte, so etwa in der 11. Klasse, und sie danach die Kolorierung seines Geschlechtsteils in den, nun ja, schillerndsten Farben beschrieb und auch ihren Ekel ob des grindigen Zustandes. Diese Geschichte gebe ich jedes Mal preis, weil ich auf keinen Fall möchte, dass über von mir aufgeklärte Schüler irgendwann mal jemand sagt: "Das sah aus, als wäre alter Bauschaum drauf." Diese Geschichte vergisst niemand, dem ich sie einmal in aller Ausführlichkeit erzählt habe. Ich hinterlasse zuverlässige Sauberkeit. Hoffe ich zumindest.

Ich werde häufig gefragt, wie ich es mit meinen beiden Söhnen handhabe. Genauso. Es ist erstaunlich, wie viele Fragen Jugendliche stellen, wenn sie wissen, dass das Gegenüber offen und ehrlich antwortet. Man muss sich auf sie einlassen, darf ihnen aber nichts aufdrücken, was für sie noch keine Rolle spielt. Da ich immer offen bin, haben meine Kinder gelernt, offen zurückzukommunizieren, was jedoch ein zweischneidiges Schwert ist. Einerseits werde ich über jeden körperlichen Vorgang informiert, andererseits wünsche ich mir manchmal meine kleinen Jungs zurück, die aber längst begonnen haben, mit hohem Tempo und viel sexuellem Enthusiasmus zu Männern zu werden.

Die Meinung, dass Aufklärung für Eltern peinlich ist, teile ich nicht. Wie soll sich ein Mensch entwickeln, wenn er Vorgänge in sich spürt, die die Eltern offenbar absolut grauenvoll und schambehaftet finden? Außerdem hat ein offener Umgang mit Sexualität fast nur Vorteile. Wenn Kinder über die eigene Sexualität und über ihre Grenzen aufgeklärt sind, ist die Gefahr deutlich geringer, dass sie Opfer eines sexuellen Übergriffs werden. Sie wissen, was richtig ist und was falsch, das finde ich gerade in Zeiten des Internets extrem wichtig.

Als neulich auf dem Schulhof ein Mitschüler meinem älteren Sohn den Ekelklassiker 2 Girls, 1 Cup (bitte nicht googeln, falls Sie es noch nicht kennen) auf dem Handy zeigen wollte, hat er sich abgewandt, weil er geahnt hat, dass diese Bilder sein Gefühl für Menschen und Sexualität sehr negativ beeinflussen könnten. Und dass er zu jung ist, um das Gesehene zu verarbeiten. Das Gute ist, dass meine Söhne mir Vorfälle dieser Art immer erzählen, weil sie wissen, dass ich ihnen das Interesse an Sex niemals absprechen würde. Eine Altersgrenze gibt es bei Fragen übrigens nicht. Jede Frage hat ihre Zeit und verdient eine Antwort.