Das Leben hält viele Ungerechtigkeiten parat, die größte gleich zu Beginn. Ob man in eine reiche oder arme Familie hineingeboren wird, gebildete oder ungebildete Eltern hat, beeinflusst so gut wie alles: was man lernt, wie man arbeitet und lebt, wann man stirbt. Anders ausgedrückt: Das größte Lebensrisiko sind die eigenen Eltern.

In Deutschland schlägt die Herkunft besonders stark auf die persönliche Zukunft durch. Den Hauptschuldigen kennen wir spätestens seit der ersten Pisa-Studie aus dem Jahr 2000: unsere Schulen und Universitäten. Wie gut jemand dort durchkommt, hing hierzulande stärker vom Elternhaus ab als in jedem anderen Industrieland. Dabei verbinden die Bundesbürger nichts anderes so sehr mit Gerechtigkeit wie Bildung. 90 Prozent von ihnen wollen laut dem Allensbacher Institut in einem Land leben, in dem Kinder die gleichen Chancen haben, unabhängig vom Elternhaus, von der Kita bis zur Uni. Die neue Bundesregierung kennt diese Sehnsucht. Im Koalitionsvertrag verspricht sie ein "Chancenland Deutschland". Sind wir diesem Wunschland in den vergangenen Jahren irgendwie näher gekommen? Kann es dies überhaupt geben?

Wenn Bildungschancen von einer zur nächsten Generation vererbt werden

Es gibt ein häufig benutztes Symbol für die ungerechte Verteilung von Startchancen in Deutschland: den sogenannten Bildungstrichter (siehe Grafik nächste Seite). Das Schaubild stellt die ungleichen Aussichten, es erst aufs Gymnasium und später auf die Hochschule zu schaffen, für zwei Gruppen gegenüber: für Kinder aus Akademikerfamilien und für solche, deren Eltern nicht studiert haben. Immer wenn eine Politikerin, ein Journalist oder Wissenschaftler darlegen möchte, wie Bildungschancen hierzulande von einer zur nächsten Generation vererbt werden, kommt der Bildungstrichter ins Spiel. Erstellt vom Deutschen Zentrum für Hochschul- und Wissenschaftsforschung (DZHW), werden der Trichter und seine Botschaft in unzähligen Büchern und Broschüren übernommen und nachgedruckt.

Nun stammen die letzten Daten schon von 2009. Deshalb haben die Forscher des DZHW neue Daten erhoben. Die ZEIT konnte sie vorab ansehen.

Im Gefolge der Pisa-Ernüchterung ist viel passiert: Die Zahl der Schüler auf dem Gymnasium wächst von Jahr zu Jahr; Ganztagsschulen sorgen für mehr Lernangebote; unzählige Initiativen – Stipendien, Mentorenprogramme, Talentscouts – versuchen mehr Arbeiter- und Migrantenkindern eine höhere Bildung zu ermöglichen. Sind diese Maßnahmen erfolgreich gewesen? Kann man ihren Effekt heute messen?

Der erste Blick auf den neuen Trichter ist brutal ernüchternd: Es hat sich offenbar fast gar nichts getan! Während der Akademikernachwuchs durch eine breite Öffnung von der Schule in die Hochschule quasi durchrutscht, bleibt die Mehrheit der Nichtakademikerkinder irgendwo stecken. Die Studienanfänger mit einem akademischen Familienhintergrund sind an den Hochschulen sogar in der Mehrheit. Muss da die Rede vom Chancenland nicht realitätsfern erscheinen, ja zynisch?

Berechnungen des Instituts der Deutschen Wirtschaft (IW) auf Basis des Sozio-oekonomische Panels © ZEIT-Grafik

Wer Antworten auf diese Frage sucht, muss sich mit Bildungssoziologie und Entscheidungspsychologie befassen. Und er muss sich in die Tiefen der Statistik begeben, wo so viele moderne Missverständnisse und Manipulationen ihre Wurzel haben. Genau das tun die Forscher des DZHW. Denn so simpel der Trichter aussieht, so kompliziert ist er zu erstellen. Datensätze (Bevölkerungsstatistik, Mikrozensus, Studierendenbefragungen ...) aus zwei Jahrzehnten müssen miteinander verrechnet werden.

Dabei verdeutlichen die Fakten ein enormes Gefälle. Die magische Relation lautet 79 zu 27. Das heißt, während von 100 Kindern mit Akademikereltern sage und schreibe 79 sich einen Platz an der Hochschule sichern, gelingt unter Nichtakademikerkindern der Aufstieg gerade einmal 27 von 100. Richter und Ärztinnen, Lehrerinnen und Journalisten bringen fast dreimal häufiger ihr Kind auf die Uni als Verkäuferinnen, Malermeister und Bürokaufleute. "Auch der neue Bildungstrichter offenbart eine große soziale Selektivität beim Hochschulzugang", sagt DZHW-Forscherin Nancy Kracke. Von Bildungsgerechtigkeit keine Spur.

Alle fahren im Fahrstuhl nach oben – die von weiter unten kommen etwas schneller hoch

2,85 Millionen Studenten sind heute an deutschen Universitäten und Fachhochschulen eingeschrieben, so viele wie niemals zuvor. Im Jahr 2000 haben 29 Prozent eines Jahrgangs zu studieren angefangen, heute sind es 43 Prozent. Nur in den siebziger Jahren gab es eine ähnliche Bildungsexpansion. Kritiker sprechen schon von einem Akademikerwahn. Wie passt das zusammen mit der Tatsache, dass der Eintritt zur Uni weiterhin so exklusiv ist? Nancy Kracke spricht vom "Fahrstuhleffekt". Akademiker- und Nichtakademikerfamilien sitzen danach in unterschiedlichen Aufzügen. Da beide nach oben fahren, bleibt ein Abstand gewahrt.

Wer genauer hinschaut, bemerkt jedoch etwas Interessantes. Die Aufzüge in den Hörsaal bewegen sich mit unterschiedlicher Geschwindigkeit, der von weiter unten fährt etwas schneller. Statt 27 wie heute schafften es beim letzten Bildungstrichter 23 der Nichtakademikerkinder an die Uni, bei dem davor nur 19. Die Wegmarken bei den Gleichaltrigen mit studierten Eltern lauteten 79, 77, 71. Die Bildungslücke wird also kleiner – wenn auch nur im Schneckentempo.