Bis vor drei Jahren war ich ein ziemlich normaler junger Erwachsener: Ich machte eine Ausbildung, hatte eine Freundin, fuhr mein eigenes Auto. Eine Spielhalle habe ich nie betreten; ja nicht einmal wahrgenommen. Dann schleppten Freunde mich zum ersten Mal hin. Ich ging mit 20 Euro rein, kam mit 40 wieder raus und dachte: War das jetzt Glück, oder habe ich den Automaten durchschaut? Noch in derselben Woche bin ich wieder hin, um das herauszufinden – und habe die 40 Euro verspielt. So fing die Scheiße an. Wenn du 50 verlierst, nimmst du beim nächsten Mal 100 mit. Viele Spielsüchtige kennen dieses Muster.

In der "Spielo" ist das Licht gedämpft, es blinkt und klimpert, man ist abgeschottet. Kaffee, Cola oder Schokoriegel gibt es umsonst, Alkohol ist verboten. Nach Stress mit Kollegen, Ärger mit den Eltern oder Streit mit der Freundin schaltete ich dort ab. Auf Textnachrichten meiner Freunde antwortete ich: Keine Zeit. Keine Lust. Meiner Freundin schrieb ich: Ich bin in 20 Minuten da. 20 Minuten später saß ich noch immer vor dem Automaten. Einmal verbrachte ich acht Stunden vor derselben Maschine. Nach zwei Stunden hatte ich 1.800 Euro gewonnen. Ich habe Kette geraucht, nichts gegessen und gedacht: Heute hast du den Automaten unter Kontrolle. Ich bildete mir ein, ich hätte ein System: Einfach nur im richtigen Moment drücken, dachte ich, dann kommt die Fünferreihe Kirschen. Am Ende habe ich alles wieder verloren. Scham kochte in mir hoch, mir brach der Schweiß aus, ich fing an zu zittern. "Wie konntest du das nur verbraten?", dachte ich. "Was du damit alles hättest machen können!" Im Bett kreisten meine Gedanken nur darum, wie ich das Geld wieder reinholen könnte.

Ich habe viel gelogen, Freunde angepumpt, meinen Dispo ausgereizt und mir meinen Lohn vorab auszahlen lassen – mal "für die Mietkaution", mal "für eine Autoreparatur". Wenn ich bei meiner Freundin war, ging ich manchmal für Stunden weg, um "einen Kumpel zu besuchen". Aber natürlich ging ich spielen.

Als sie das herausfand, trennte sie sich von mir – wie auch schon meine Freundin davor. Da wurde mir klar, dass ich viel mehr verloren hatte als nur etwa 5.000 Euro. Ich mochte mich selbst nicht mehr. Und meine Eltern stellten mir ein Ultimatum: Lass dir helfen, oder wir unterstützen dich nicht mehr. Also ging ich zur Suchtberatung. Später möchte ich mal in Schulen über Spielsucht aufklären. Spielhallen sollten verboten werden. Denn den Betreibern ist entweder nicht bewusst, dass sie die Menschen krank machen können – oder es ist ihnen scheißegal.

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Protokoll: Daniel Kastner