Sportclips schauen

Schürrle stürmt über links. Wo will er denn hin, das denke ich jedes Mal, wenn ich ihm dabei zusehe, aber Schürrle stürmt unbeirrt weiter, die Seitenlinie des Maracanã-Stadions in Rio de Janeiro hinab, dann flankt er, und ARD-Moderator Tom Bartels setzt zu einem Crescendo an: "Schürrle, der kommt an, mach ihn!, maaaach ihn!, er macht iiiiihn, Mario Götzeeeee, das ist doch Wahnsinn."

Es passiert nachts. Ich kann nicht schlafen und klappe meinen Laptop auf. Ich tippe in die YouTube-Suchleiste: "Götze, Tor, Rio de Janeiro". Ist das Video vorbei, schlägt mir YouTube weitere vor. "Muhammad Ali George Foreman Rumble in the Jungle" zum Beispiel. Oder: "Hermann Maier Nagano Crash".

YouTube kennt mich inzwischen. Ich bin süchtig nach Videos von historischen Sportmomenten. Meinen Stoff finde ich auf der Plattform, die für mich zu einem Museum der Sportgeschichte wurde. Ich sehe mir dort immer dieselbe Ausstellung an, dieselben Filmchen, ich kann die Kommentatorenstimmen auswendig mitsprechen. Etwa die beim Sieg von Angelique Kerber bei den Australian Open 2016. Der Moderator schreit: "Du hast es! Angie, sie hat es! Ja, es ist wahr! Ist das geil, oder was?" Viele Exponate in meiner Sammlung aber sind älter, wie das Wundertor des Brasilianers Carlos Alberto im WM-Finale von 1970 gegen Italien. Pelé passt ins Nichts, Alberto rauscht heran und nagelt den Ball ins lange Eck.

Wenn sich das Netz bauscht, wenn der Schweiß tropft, das liebe ich, da bin ich Sofasportler. Oder besser: Bettsportler. Vor ein paar Tagen erst, es war vier Uhr morgens, nach einer durchzechten Nacht. Ich lag im Bett und tippte: "Jan Ullrich Tour de France 1997 Andorra". In meinem dunklen WG-Zimmer flog nun Ulle die Serpentinen von Andorra-Arcalís hinauf, das Weiße Trikot des Deutschen Meisters leuchtete. Ullrich blieb im Sattel sitzen, wie er immer sitzen blieb. Erst hängte er Bjarne Riis ab, seinen Kapitän, dann raste er an Cédric Vasseur vorbei, dem Mann im Gelben Trikot, der nur den Kopf schüttelte. Moderator Rudi Altig, zu dessen Stärken die Lakonie gehörte, kommentierte: "Jetzt räumt Ullrich richtig auf!"

Ich habe mich oft gefragt, was mich an diesen Schnipseln so fasziniert. Bei Ullrich fällt die Antwort leicht. Ich erinnere mich gern an die drei Wochen im Sommer, in denen ich, noch kein Teenager, von der Schule nach Hause kam, den Fernseher anmachte und im Peloton nach Ullrichs rotem Schopf suchte. Draußen brannte die Sonne, drinnen strampelte Ulle. Kam mein Vater von der Arbeit nach Hause, zog er nicht mal die Schuhe aus, stürmte ins Wohnzimmer und fragte: "Schon was passiert?" Meistens war nichts passiert, und wenn Ullrich dann geschlagen im Ziel saß, setzte ich mich selbst aufs Rad, riss vor dem Haus freihändig fahrend die Arme hoch und jubelte an seiner Stelle.

Warum aber Götze? Der pure Triumph, so denke ich, ist oft langweilig – die Videos der Siegläufe des Usain Bolt lassen mich kalt. Sportler werden zu Helden und für mich zu Suchtmaterial, wenn ihr Sieg sich aus der vorhergegangenen Niederlage speist. Oder im Triumph schon die Niederlage angelegt ist. Wie bei Götze. Oder – wenngleich finanziell schlechtergestellt – bei mir selbst.

Mein Traum war es, als Skiprofi eimerweise Medaillen von Olympischen Spielen nach Hause zu bringen, sie meinen Eltern zu zeigen und zu sagen: Schaut, die Plackerei hat sich gelohnt. All die verpassten Partys, weil irgendwo ein Wettkampf anstand, all das verbügelte Skiwachs. Vom Geld meiner Kitzbühel-Siege hätte ich ihnen eine schöne Hütte in den Schwarzwald bauen lassen, in der sie meine Medaillen hätten aufhängen können, auf dass die Verwandten sie beneiden um ihren erfolgreichen Sohn. Daraus wurde nichts. Mit 19 stockte die Karriere, der Sprung in den C-Kader des Deutschen Skiverbands misslang – und dann riss auch noch das Kreuzband.

Vielleicht ist es also so: Wenn Götze heute nach seiner Form sucht, dann geht es ihm wie damals mir. Ich leide mit ihm. Schaue ich aber sein Finaltor bei YouTube, kann ich mir gut vorstellen, wie ich an seiner Stelle auf die Fans zulaufe, die Arme ausgebreitet. Sein Triumph ist mein Triumph. Zumindest nach durchzechten Nächten.