Jeder hat sein 68. Für Erich Maria Remarque war der Erste Weltkrieg ein Gemetzel, für Ernst Jünger ein "Spaß". So gedenkt auch jeder eines anderen 68, der Paderborner und der Mainzer, der Berliner und der Hamburger, der Hippie und der Maoist. Für den einen war es ein Fest, für den anderen das Ende allen Anstands. Mein 68 war in Frankfurt: SDS, Studium der Soziologie, philosophische Fakultät. Meine Professoren: Adorno, Habermas und Co. Die Revolte schlug wie ein Blitz in mein Leben ein.

Stichflammenartig tauchen die Erinnerungen auf. Ich sehe Hans-Jürgen Krahl, den Studentenführer, mit Glasauge und sonorer Stimme in wogender Menge auf dem Uni-Gelände, sehe "Teddie" Adorno im Hörsaal VI, die Arme hinterm Rücken verschränkt und auf Zehen wippend, wie er Bandwürmer von astreinen Sätzen ausspuckt, sehe auf uns zurasende Wasserwerfer mit aufgedrehten Scheinwerfern, die erbitterte Straßenschlacht mit der Polizei, um nach dem Mordanschlag auf Rudi Dutschke die Auslieferung der Bild- Zeitung zu verhindern, höre ein aus tausend Kehlen skandiertes "Ho-Ho-Ho Chi Minh", dann taucht im zugerauchten Club Voltaire ein Plakat mit den Profilen von Marx, Engels, Lenin auf. "Alle reden vom Wetter, wir nicht!" steht drauf. Die Leute von der "Lederjackenfraktion", die später fast alle in die RAF rutschen, trinken sich am Tresen Mut zu, bevor sie ein paar Molotowcocktails über den Zaun des Amerikahauses schmeißen, während wir in einem Keller zu Satisfaction die Nacht durchtanzen und uns ein paar Stunden später in ein Proseminar über die Frühschriften von Marx oder zu einer Vietnam-Demo schleppen ...

Am 14. Februar 1970 rief mich mein Freund Ronny Loewy (der sich später im Frankfurter Filmmuseum um die Wiederentdeckung des jiddischen Kinos verdient machte) an, um mir zu sagen, dass Hans-Jürgen Krahl am Vortag auf vereister Autobahn tödlich verunglückt sei. Das war der Schlussgong. Ein halbes Jahr vorher war Adorno gestorben, ein Monat später wurde der SDS aufgelöst. Der Zusammenbruch der Studentenrevolte war ein Schrecken ohne Ende. Wie leben? Wie in diese verachtete und verlogene Welt zurückkehren? Ein Genosse, dessen Namen ich vergaß, warf sich vor einen Zug, andere suchten Arbeit im Rundfunk, bei einer Zeitung, einem Verlag, an eine ordentliche Anstellung als Soziologe war, auch ohne den uns zugedachten "Radikalenerlass", gar nicht zu denken, die Reste der Frankfurter Schule gingen mit Oskar Negt an die Uni Hannover, wieder andere unterschrieben in einer Fabrik, um "Bekanntschaft mit dem Proletariat" zu machen. Es war für viele eine harte Landung.

Zurück blieb ein Trümmerfeld von Existenzen. Mein bester Freund Dirk Amft versuchte, das Boule-Spiel, das die Rentner in den südfranzösischen Dörfern spielen, zu importieren und veranstaltete von Pernod gesponserte Turniere im Frankfurter Grüneburgpark und verlor sein letztes Geld. Ich hatte Glück, ratlos wie ich war, hatte ich dem ehemaligen SDS-Vorsitzenden Helmut Schauer, seit Kurzem Chefdramaturg am Frankfurter Theater am Turm, meine Diplomarbeit über "Feudalismus und Bürgertum im Werke Shakespeares" zugeschickt, und er brachte mich als Hospitant unter. Unfassbar! Kurz darauf brach ich die Zelte ab und kehrte Frankfurt den Rücken.

Die meisten meiner Kommilitonen hatten mit ihren Familien gebrochen

Alles hatte so hoffnungsvoll begonnen. Wir hatten geglaubt, wir könnten die Welt verändern. Diese Illusion war die Quelle eines unbeschreiblichen Enthusiasmus: Der Mensch sei im Grunde gut, man müsse ihn nur aufklären und seine Vorurteile wegräumen. Wir diskutierten, ohne je zu ermüden, mit Freund und Feind, sogar mit den "Bullen", die mit Knüppeln vor uns standen. Wir erklärten ihnen, dass das "Notstandsgesetz" eine Schande sei. Statt einer Antwort erhielten wir bei "Knüppel frei" einen Schlag auf den Kopf. Ohne uns von den Sternchen, die wir sahen, erleuchten zu lassen, diskutierten wir hinterher mit Passanten über dasselbe Notstandsgesetz als einer "Kopie des Ermächtigungsgesetzes", durch das Hitler an die Macht gekommen war. Unsere Gesprächspartner empfahlen uns, "nach drüben zu gehen". Mit "drüben" hatten wir freilich nichts zu tun. Wir hatten keine Verbündeten, weder im Osten noch im Westen. Wir demonstrierten gegen den Einmarsch der Sowjetunion in Prag und gegen die US-Politik der verbrannten Erde in Vietnam. Wir ließen uns nicht vereinnahmen, aber wir überschätzten uns. Die Welt war kein morscher Baum, den man mit Turnschuhen eintreten konnte.

Ursprünglich war ich Teil einer unpolitischen, desillusionierten Generation. In unserer Abiturklasse gab es einen überzeugten Katholiken, mehrere Indifferente und uns Zyniker von der letzten Bank. Wir ließen den Ekel von Sartre unter der Schulbank kursieren, zuweilen schrieben wir einen Vers von Gottfried Benn an die Tafel: "Am schlimmsten: nicht im Sommer sterben". Wir waren so alt und zerknittert wie die letzten 20 Jahre seit dem Kriegsende, die Vergangenheit widerte uns an. Meine beiden Schulfreunde wurden nach dem Abitur Taxifahrer, Ingolf Lehmann vergiftete sich. Wäre da nicht die Revolte hineingefahren, wer weiß, was aus mir geworden wäre, vielleicht Geschäftsmann.

Mein 68 war anders als das meiner Studienfreunde. Ich komme aus einer jüdischen Familie polnischer Herkunft, die den Krieg in Russland überlebt hatte und beim Versuch, nach Amerika auszuwandern, in Deutschland hängengeblieben war. Auch ich flog zu Beginn der Revolte hochkant aus dem Haus: Ich hatte an der Universität den Rückzug Israels aus den besetzten Gebieten und die Gründung eines palästinensischen Staates gefordert. Das klingt merkwürdig, da ich mich im Jahr zuvor, bei Beginn des Juni-Kriegs 1967, als Kriegsfreiwilliger nach Israel gemeldet hatte. Für mich war da kein Widerspruch. Das Existenzrecht eines Volkes hebt das des anderen nicht auf. Es gibt keine Juden und Araber. Es gibt nur Menschen.

Da man die meisten von uns hinausgeworfen hatte, hatten wir viel gemein. Zweitrangig war, ob einer Aristokrat war oder Prolet, ob eine Frau mit Männern ausging oder Frauen, ob ein Mann beschnitten war oder nicht, Fliege trug oder Jeans, man lange oder kurze Haare hatte, Persisch oder Arabisch sprach – alles war möglich. Eines Tages begleitete mich die Tochter des Frankfurter Polizeipräsidenten, die später Starmannequin wurde, in die vorderste Reihe einer Demo, für deren reibungsfreien Ablauf ihr Vater verantwortlich war ...Wir glichen Astronauten im All, schwerelos, wahre Kosmopoliten.