Der Feind in unserer modernen Zivilisation lauert anscheinend in fast allem, was wir zu uns nehmen. Egal ob es sich um Fett, Zucker, Fleisch, Koffein oder Alkohol handelt: Ist das Böse einmal identifiziert, gilt es, den Körper davon rein zu halten. Verzicht ist längst mehr als ein Diätplan. Er ist Lifestyle, Distinktionsmittel und Glücksversprechen in einem. Wer verzichtet, hat sein Leben im Griff, demonstriert Leistungsbereitschaft und tut nebenbei etwas gegen die nagende innere Leere.

Auf den ersten Blick lässt sich das locker und unterhaltsam geschriebene Buch Nüchtern betrachtet war’s betrunken nicht so berauschend der Hamburger Journalistin Susanne Kaloff in die schier endlose Reihe von Selbstversuchs-Fibeln einsortieren, die in jeder Buchhandlung stehen. Veganismus, Zigaretten- oder Internet-Abstinenz, die simpel gestrickte Gleichung dieser Erlebnisberichte ist immer dieselbe: Mach es wie ich, lass dies sein, verzichte auf jenes, und du wirst froh und glücklich werden.

Auch Susanne Kaloff hat sich in Askese geübt, sie hat ein Jahr lang keinen Alkohol angerührt und ihre Erfahrungen aufgeschrieben. Obwohl auch sie sich gesünder, ausgeschlafener und ausgeglichener fühlt, obwohl auch sie erklärt, was das Nervengift im Körper anrichtet, und Tipps parat hat, welche alkoholfreien Ersatzdrinks Spaß im Glas bringen, ist ihr Buch kein Ratgeber. Streng genommen hat Kaloff nicht mal ein Sachbuch geschrieben, der Text handelt nur vordergründig von Alkohol. Tatsächlich ist Nüchtern betrachtet ein Entwicklungsroman über eine Frau, die ihr Leben neu sortiert.

Die Icherzählerin Suse ist eine unabhängige Frau Ende vierzig. Sie hat einen erwachsenen Sohn, ist erfolgreich als Journalistin. Sie hat viele Freunde, macht Yoga, geht gerne aus, ist schlagfertig und lebenslustig. Sie führt also eine jener Großstadtexistenzen, wie sie in den Szenevierteln Hamburgs, Kopenhagens oder Brooklyns üblich sind. Hedonistisch, Instagram-kompatibel.

Das ist aber nur die eine Seite. Hinter der sorgsam mit hippen Accessoires (Céline-Tasche, Altbauwohnung, Yogakissen) ausgestatteten Fassade sieht es düster aus. Da lauern Einsamkeit, Verletzungen und das Älterwerden.

Von einem Tag auf den anderen beschließt Kaloff, keinen Alkohol mehr zu trinken. Nicht, weil sie krank wäre oder süchtig – das zu betonen ist der Autorin wichtig. Sondern: "Ich wollte freiwillig aufhören zu trinken, weil ich rausfinden wollte, wer ich ohne Beschleuniger, Verstärker, Sedierung und ohne ein Glas Wein in der Hand eigentlich bin." Die richtig großen Fragen, aufgeworfen durch eine scheinbar triviale Askese: das Weglassen all der leckeren Gläschen mit Crémant, Wein, Bier und Cocktails. Was dann passiert, ist radikal, denn das Leben auf dem Trockenen bedeutet: scharfe Selbstkritik.

Es geht dabei um mehr als um lieb gewordene Gewohnheiten, die es zu überwinden gilt. Es geht auch nicht um die sauteure Handtasche, die sie im angeschickerten Zustand irgendwo liegengelassen hatte, oder um die SMS an den Ex, die sie unter Rosé-Einfluss verschickt hatte. Das sind harmlose Kollateralschäden im Vergleich zu dem Reifeprozess, den die Icherzählerin schildert. Sie lernt, Unangenehmes auszuhalten. Sich nicht wegzuducken, wenn nach und nach der unschöne Ego-Müll nach oben gespült wird: ungute Verhaltensmuster, kaputte Beziehungen, Kränkungen, verdrängte Wünsche.

Interessant ist in diesem Zusammenhang das Verhalten der anderen: Als nicht trinkende Person kommt sich Kaloff nicht nur wie eine Spielverderberin vor, sie wird zur sozialen Provokation. Ihre Erklärung: Weil sie ausschert aus der Gemeinschaft der Trinkenden, wird sie als Bedrohung wahrgenommen, die wieder auf Spur gebracht werden muss. Meistens geschieht das mit scheinbar harmlosen Sprüchen, mit Spott oder Desinteresse, aber immer ist die Botschaft eindeutig: Wer nicht mitmacht, gehört nicht mehr dazu. Ob sie es will oder nicht, mit ihrer Entscheidung gegen eine gesellschaftliche Konvention hält sie anderen den Spiegel vor – und das muss man erst mal aushalten.

Ein Happy End mit Prost und Prosecco liefert das Buch konsequenterweise nicht. Eher eine leise Erkenntnis: "Sind Exzess und Askese vielleicht von ein und derselben Angst getrieben? Die vor dem Tod, der Endlichkeit?" Kann sein, dass das Lebensglück irgendwo zwischen diesen beiden Extremen zu finden ist. Im Glas, so viel ist nach der Lektüre klar, versteckt es sich jedenfalls nicht.

Susanne Kaloff: Nüchtern betrachtet war’s betrunken nicht so berauschend. Fischer Taschenbuch; 256 S., 14,99 €