Manchmal bedarf es eines Paukenschlags, um Medien und Öffentlichkeit auf ein Problem aufmerksam zu machen, das sonst nur Spezialisten beschäftigt. Das ist Emmanuel Macron gelungen, als er am 27. November 2017 in Ouagadougou die Absicht erklärte, "innerhalb der nächsten fünf Jahre die Voraussetzungen für zeitweilige oder endgültige Restitutionen des afrikanischen Erbes an Afrika" zu schaffen.

Das Auswärtige Amt, offenbar unter Zugzwang geraten, formulierte vorsichtiger, "die kulturelle Zusammenarbeit mit Afrika verstärken" zu wollen, "insbesondere durch die Aufarbeitung des Kolonialismus"; und die Staatsministerin für Kultur und Medien kündigte an, "die Aufarbeitung der Provenienzen von Kulturgut aus kolonialem Erbe in Museen und Sammlungen (...) mit einem Schwerpunkt" zu fördern (ZEIT Nr. 18/18).

Damit sind zugleich die ethnologischen Museen aus ihrer Randständigkeit geholt – zumal in Berlin, wo der Umzug des Ethnologischen Museums und des Museums für asiatische Kunst von Dahlem ins Zentrum, in das rekonstruierte Stadtschloss, zwar längst geplant war – aber unter ganz anderen Voraussetzungen. Wollte man dort, im Humboldt Forum, ursprünglich Weltoffenheit durch die Hinwendung zu jenen "Weltkulturen" zeigen, die Künstler der Moderne von der Brücke bis Beuys inspiriert hatten, so interessiert nun – vor dem Hintergrund weltweiter Migration – vor allem die Biografie der Objekte, die Wege, auf denen Gebrauchs- und Kultgegenstände durch Raub oder Handel in die Metropolen gelangten und dort zu Ethnografica und Kunstwerken wurden.

Ethnologen wissen seit Langem, dass zahlreiche Objekte in den Museen geraubt wurden, vor allem im Zuge von kolonialen Strafexpeditionen – in Nigeria, Dahomey, Abessinien oder Deutsch-Ostafrika; neben Waffen waren das vor allem Insignien königlicher Macht; und Kultgegenstände, die bei uns als Kunstwerke gelten, sind zudem oft schlicht bei Nacht gestohlen worden, wie etwa der Schriftsteller Michel Leiris in seinem Expeditionstagebuch Phantom Afrika drastisch geschildert hat. In ehemaligen Siedlerkolonien wie Australien, Kanada, den USA haben diese Erkenntnisse schon vor Jahrzehnten zu weitreichenden kulturpolitischen Konsequenzen geführt; in Deutschland hatten Ethnologen dagegen seit 50 Jahren vergeblich die koloniale Prägung ethnologischer Museen angeprangert. Aus ihrer Sicht ist die aktuelle Debatte über Raubkunst aus kolonialem Kontext daher längst überfällig. Und doch ist eine Richtigstellung geboten. Denn in der Öffentlichkeit erscheinen die Gesellschaften, aus denen die Objekte stammen, jetzt nie als handelnde Subjekte, sie werden durchweg zu passiven Opfern degradiert.

Wenn einer Muscheln gegen Schweine tauscht, ist er kein Kannibale

Wer nämlich ethnografische Sammlungen pauschal anklagt und suggeriert, Raub und Betrug sei das Grundprinzip kolonialzeitlichen Sammelns gewesen, verkennt zwar nicht unbedingt die Redlichkeit von Ethnografen, Kolonialbeamten und Händlern, wohl aber die traditionelle Leidenschaft nicht kapitalistischer Gesellschaften für den Tausch. Gerade für sie war, wie wir spätestens seit Marcel Mauss’ Essay über die Gabe wissen, der Erwerb und die Akkumulation von Gütern aus einer fremden Welt über jeden praktischen und ökonomischen Nutzen hinaus ein elementares Bedürfnis, die Fähigkeit zum Tausch eine Eigenschaft des Menschseins schlechthin. Jenseits der juristisch zu klärenden Fälle von Raub und Diebstahl bot die Praxis des Sammelns daher für beide Seiten, für die Ethnografen wie für ihr Gegenüber, die Chance, in den Besitz geheimnisvoller Wertgegenstände zu gelangen und zugleich soziale Beziehungen zu Fremden aufzunehmen. Um diese spannungsreiche Wechselseitigkeit sichtbar zu machen, versuche ich, den Besitzerwechsel der Objekte nicht nur aus der Sicht der Sammler zu betrachten, sondern auch und vor allem aus der der Herkunftsgesellschaften, soweit sie selbst sich zurecht als Akteure in Transaktionen verstanden.

So war im zentralen Hochland von Neuguinea – ein gut dokumentiertes Beispiel – der erste Kontakt mit Europäern ein Schock, der Tausch von Wertgegenständen das Mittel zur Beschwichtigung der Angst. Man hielt den Fremden mit der weißen Haut für einen der bleichen Kannibalen des Mythos; aber dann, so wird berichtet, "gab er uns Muscheln im Tausch gegen Schweine, und wir kamen zu dem Schluss, dass es ein Mensch war". Muscheln, Gegenstände ohne praktischen Wert, fungierten im Hochland als Semiophoren, bedeutsame Zeichen der unbekannten Welt, aus der sie stammten. Sie waren begehrt, weil sie im Moka, im Wettbewerb um Rang und Einfluss, eine zentrale Rolle spielten; und durch den Tausch erwies sich, dass der Fremde kein Kannibale, sondern ein Mensch war.

Vier Jahrzehnte später, in den 1970er Jahren, konfrontierten die Huli mich in einem noch entlegenen Teil des Hochlands durch ihre Mythen ebenfalls mit der Frage, ob ich Mensch oder Kannibale sei, das heißt zum Tausch bereit – oder nicht. Nur boten sie mir nun nicht mehr Schweine an, sondern Muscheln, Kauris und sichelförmige Perlmuttscheiben. Und sie verlangten Ein-Dollar-Scheine, die sie noch nicht wegen ihrer Kaufkraft schätzten, sondern wie zuvor die Muscheln als Zeichen einer fremden Außenwelt und entscheidend in ihrem Spiel um Ansehen. Allerdings hatten Gesellschaften, die traditionell Bildwerke herstellten, weit bessere Karten für den Handel als die Papua des Hochlands – die besten, um zunächst in der Region zu bleiben, hatten die Einwohner von Neuirland. Denn diese schufen komplexe Skulpturen, die Malanggane, nur für bestimmte Feste, um sie anschließend dem Verfall zu überlassen. Begeisterte Sammler brachten ihnen im Tausch folglich nicht nur materiellen Gewinn, sie übernahmen zugleich die Entsorgung von Gegenständen, die für sie selbst jeden Wert verloren hatten.

Dass nicht nur, aber insbesondere Bilder produzierende Gesellschaften das Faible der Sammler zu ihrem Vorteil zu nutzen verstanden, ist für viele Gebiete nachgewiesen worden, etwa für die Nordwestküste Nordamerikas oder für das Mittlere Bantugebiet. So begannen Werkstätten im Kongoreich schon im 15. Jahrhundert, Elfenbeinschnitzereien für Portugiesen und damit für die Wunderkammern europäischer Höfe herzustellen; und um 1900, in der Blütezeit ethnografischen Sammelns, profitierten Kongolesen wie Europäer im Kongo-Freistaat gleichermaßen vom schwunghaften Handel mit Ethnographica.