In der kleinen Serie "Wo ist Europa schöner?" lassen wir Regionen, Städte, Seen und Inseln gegeneinander antreten. Hier schreibt Michael Allmeier, warum es in der Provence viel schöner ist als in der Toskana. Nächste Woche: Lissabon oder Porto?

Wenn man hinter Siena von der Vierspurigen, so nennen sie hier liebevoll die Autobahn, abbiegt und eintaucht in das sanfte Hügelland des Orcia-Tals mit seinen von Zypressen gesäumten Wegen, den Olivenhainen, den Weinbergen und all den hinreißend ins Bild getupften Kirchen, fragt man sich schon, ob hier alles mit rechten Dingen zugeht. Wie kann es sein, dass die Toskana Jahrzehnte nach ihrer touristischen Entdeckung noch dermaßen nach Toskana aussieht? Und ist es überhaupt in Ordnung, dass ein einziger Landstrich so unverschämt viel Schönheit abgekriegt hat?

In Monticchiello, einem winzigen Dorf auf einer Hügelkuppe zwischen den Weinorten Montepulciano und Montalcino, streikt dann das Mietwagen-Navi. Unbekannte Straße. Bitte wenden. Zuerst denke ich, das haben sie extra gemacht, die italienischen Programmierer. Sie wissen ja, wie gerne wir Deutschen "abseits der ausgetretenen Pfade" unterwegs sind. Aber dann stellt sich heraus: Die Straße, die zum Agriturismo Podere Santa Maria führt, hat tatsächlich weder Namen noch Nummer. Sie ist, streng genommen, auch keine Straße. In Deutschland würde sie mit Ach und Krach als Wanderweg durchgehen. Aber die beiden alten Herren, die am Dorfeingang in der Nachmittagssonne träumen, sind sich sicher: "Da musst du jetzt runter."

Zehn Minuten noch umklammern meine Hände das Lenkrad, dann sitze ich mit einem Kaffee in der nächsten Bilderbuchszene: In einer riesigen Bauernküche mit Steinfußboden und langem Holztisch diskutieren Verno und Maura Mangiavacchi darüber, ob Annabella, der Esel, nun in anderen Umständen ist oder nicht. Verno findet sie seit ein paar Tagen ganz verändert. "Hörst du nicht, wie sie schreit?" Seine Frau hebt die Schultern. Sie höre gerade nur die Schafe. Dann rührt sie weiter in der Pastasoße, die schon seit Stunden in einem Kessel vor sich hin simmert.

Am Abend, wenn die anderen Gäste von ihren Ausflügen zurück sind und im Kaminofen das Feuer lodert, wird in der großen Küche viergängig aufgetischt: Crostini mit schwarzer Olivenpaste, Pappardelle mit Wildschweinsoße, Trippa, also Pansen, in Tomatensoße und Kaninchen mit Safran. Cucina povera, arme Küche, heißt das, wenn gegessen wird, was die Gegend und der eigene Garten hergeben.

Man muss nicht jedes Detail verstehen, wenn Signora mit einem Gast aus Modena über die ideale Größe der Wacholderbeeren für die Trippa und den Mahlgrad des Mehls für die Pasta debattiert, um zu merken, dass diese arme Küche reich an Geheimnissen ist. Und so schmeckt sie dann auch: raß und rätselhaft und überhaupt nicht nach Mittelmeerklischee. Selbst die Italiener am Tisch versichern, selten so gut gegessen zu haben. Denn hier ist Farm-to-Table kein Hype, sondern ein Familienprinzip. Die Rezepte ihrer Großmütter hat Maura modernisiert, die Idee dahinter ist die gleiche geblieben: Wir machen aus dem, was wir haben, nicht irgendwas, sondern das Beste.

An diesem Abend beginne ich die Generation meiner Eltern zu verstehen, die schon vor Jahrzehnten in der Toskana dem guten Leben nachjagte – und mit Genießerstolz kofferraumweise Wein, Öl und Käse ins deutsche Kohlrouladenland importierte. Ich verstehe sogar die früh ermüdeten Sozialdemokraten, die in den achtziger Jahren auf Bauernhöfen wie dem von Verno und Maura nach Sinn suchten. Denn Toskana ist mehr als Dolce Vita, Berge und die langen Strände meiner Kindheit. Toskana ist eine Haltung.

Achtsamkeit wäre das aktuelle Nervensägenwort dafür. Maura, von Beruf eigentlich Lehrerin, drückt es so aus: "Wir versuchen alles so halbwegs in der Balance zu halten."

Als vor zwanzig Jahren die Preise für Weizen, Hafer und Oliven immer weiter sanken, ließ sie die Kuhställe des Einsiedlerhofes in fünf Fremdenzimmer umbauen, die inzwischen die 84 Hektar steinigen, steilen Bauernlandes gegenfinanzieren. Vermutlich könnten sie mit noch ein paar Zimmern mehr die Landwirtschaft ganz an den Nagel hängen. "Aber was würde dann aus dem Land?"

Was würde aus den grünen Hängen des Val d’Orcia, wenn hier keiner mehr Weizen anbauen würde? Was aus den Olivenhainen, wenn die Bauern nach dem letzten harten Winter beschlössen, dass sich die Mühe nicht mehr lohnt? Die Schönheit des Landstriches, auch das wird mir langsam klar, ist kein Gottesgeschenk. Sie ist das Ergebnis harter Arbeit, nur dass man das eben nicht merkt. Wenn die Toskana schwitzt, dann heimlich.