Es ist schon erstaunlich, dass ausgerechnet ein Phänomen, welches weltweit Menschenmassen bewegt, mit Blick auf die globale Erwärmung bislang kaum beachtet wurde: das Reisen. Es spült Touristen zuhauf an fremde Orte, er sorgt dafür, dass Kreuzfahrtschiffe sich in endloser Folge durch Venedig schieben, dass sich in der Ferienzeit Schlangen vor den Schaltern der Charterflieger in Richtung Traumstrände bilden.

Aber welchen Anteil haben Reisende am Ausstoß von Treibhausgasen (und damit an der globalen Erwärmung)? Dafür gab es bisher eine Pi-mal-Daumen-Antwort: vielleicht so zwei, drei Prozent. Man müsse "davon ausgehen, dass die Summe aller Emissionen höher liegt", mutmaßten zwar die Experten gleich dreier UN-Organisationen – der Welt-Meteorologie-Organisation, des UN-Umweltprogramms und der Welt-Tourismus-Organisation –, aber: "Es sind keine spezifischen Daten für den weltweiten Tourismus verfügbar." Das war 2008.

Zehn Jahre später schließt sich nun diese Wissenslücke. Rund acht Prozent der weltweiten Treibhausgas-Emissionen soll das Reisen verursachen. So groß ist also der Klima-"Fußabdruck" aller Reisenden. Das rechnete ein Team aus Australien, Taiwan und Indonesien aus, dem auch die beiden in Sydney forschenden Deutschen Manfred Lenzen und Arne Geschke angehören. Am Montag haben sie die Berechnungen in Nature Climate Change veröffentlicht.

Acht Prozent des Treibhausgas-Ausstoßes durch Tourismus – also fast jede zwölfte Tonne –, wie kommt man auf so eine Zahl?

Manfred Lenzen, Physiker und Professor für Nachhaltigkeitsanalysen, sagt, früher seien vor allem direkte Emissionen addiert worden, etwa abgeleitet vom Spritverbrauch aller Flugreisen. "Sogenannte indirekte Emissionen aus den vielfältigen Zulieferketten des globalen Tourismus wurden meist nicht berücksichtigt." Jetzt wurden sie einbezogen. "Beispiele sind Emissionen aus dem Eisenerz-Abbau und der Metallverarbeitung, die zunächst in den Fahrzeugbau fließen und so zum Fußabdruck von Fluglinien, Busunternehmen, Bahnlinien und Mietwagenfirmen beitragen", erklärt Lenzen. "Des Weiteren wurden zuvor meist keine Methan-Emissionen erfasst, etwa aus der Viehzucht, die das fleischverarbeitende Gewerbe beliefert, welches wiederum Restaurants und Hotels versorgt."

Wird jetzt also vermeldet, der Tourismus sei viel schädlicher fürs Klima als bisher angenommen, dann liegt das vor allem an den bisherigen Annahmen. Aber ist es auch überraschend?

"Grundsätzlich ist die Studie sehr gut, um aufzuzeigen, welche Effekte Tourismus hat", sagt der Emissionsspezialist Niklas Höhne vom NewClimate Institute in Bonn, das zum Beispiel für die UN den Treibhausgas-Ausstoß von Staaten vergleicht. Höhne, der nicht an der Studie beteiligt war, lobt die Vielfalt der berücksichtigten Faktoren. Und die läppern sich. "Grundsätzlich entfällt ein Drittel der weltweiten Treibhausgas-Emissionen auf die Nahrungsmittelproduktion", erklärt Höhne. Rechnet man also alles ein, was während eines Urlaubs verspeist wird, so erscheint die neue, hohe Zahl schnell plausibel.

Allerdings: Gegessen hätten die Urlauber ja auch daheim, wenn sie nicht verreist wären. "Natürlich", sagt Höhne, "ist es eine methodische Frage, was man alles dazuzählt." Die Autoren der Studie sprechen das Problem in ihrer Veröffentlichung auch selbst an. Ihr Argument dafür, die Emissionen für Speisen trotzdem einzubeziehen: Diese fallen auf Reisen eben woanders an. Und die Zuordnung der Klimabelastung nach Herkunftsländern der Reisenden und nach Reiseländern ist ein Schwerpunkt der Studie.