Völlig unsinnig wäre es, an dieses Buch normale Maßstäbe anzulegen. Denn es ist ein Buch von Ulla Berkéwicz. Eine Projektionsfläche war sie als gefeierte Schauspielerin, als früh aufsehenerregende Schriftstellerin, als Frau ihres Verlegers Siegfried Unseld, schließlich als dessen Erbin, die in einem beispiellosen Kampf das Fortleben des Suhrkamp Verlags sicherte. Inzwischen hat sie sich von dessen Spitze zurückgezogen und bekannt, künftig ausschließlich schreiben zu wollen.

Neugierig nimmt man nun das erste Buch der Autorin Berkéwicz nach der Schlacht zur Hand und wird überrascht bis befremdet sein. Denn es ist kein Roman, keine Erzählung geworden, sondern eine schmale, essayistisch-poetische Fantasie, die besagten Maßstab sprengt. Über die Schrift hinaus heißt diese Meditation über die in der Moderne verlorenen mythischen Kraftquellen des Denkens – mit einer überraschenden Wendung.

Zunächst schildert sie assoziativ und suggestiv einen Verhängniszusammenhang, mit expressiven sprachlichen Bildern. Entfremdung herrscht überall: "Komputer" werden im Kapitalismus zu "Herrschaftsinstrumenten seiner Verkommenheit", der neue Autist wächst vor dem Bildschirm: "Sein Tasten-Hiphop täuscht ihm Allmacht vor, Freiheit zur Schöpfung und Zerstörung." Berkéwicz sieht ein kollektives Wahnsystem: "Übermenschenideologie, Auserwähltheitsfieber, esoterisch, rassistisch, amerikanisch konsumtiv."

Aber wer denkt, dass hier mal wieder nur geheideggert wird, täuscht sich. Ihre technikkritischen Säulenheiligen sind der Kybernetiker Norbert Wiener und der Informatiker Joseph Weizenbaum, die beide wie einst Rabbi Löw in Prag wussten, wie gefährlich ihre Erfindung sein könnte. Zudem warnt Berkéwicz vor der Technikgemeinde: "Neuheidnisches Gedankengut einer bevorstehenden Transzendenz wird ausgebrütet."

Dabei sind ihr die Anfänge des kalifornischen Geistes, aus dem das alles erwächst, sympathisch: "Indienheimkehrer, Psychedelic-Überlebende, Che-Guevara-Chicos". Doch wie vor 200 Jahren die Romantiker sich nach ihrem Aufbruch Kirche und Restauration an den Hals warfen, so "unterwarfen die kalifornischen Romantiker ihren großen Plan der dem Boden ihrer eigenen Erfindungen erwachsenen neuen kapitalistischen Logik." Dagegen will sie neoromantisch Mythos und Poesie "über die Schrift hinaus" revitalisieren.

Genau in der Mitte des Buches – die Autorin weiß, was sie tut – taucht die Schlüsselfigur auf: der geniale russische Mathematiker Grigori Perelman. Der exzentrische Zahlenkünstler jüdischer Herkunft verkörpert für Berkéwicz das spirituelle Ende der Entzweiung von Logos und Mythos, mit einem "Minimum an blinder Rechnung, einem Maximum an sehenden Gedanken" arbeitend. Aber plötzlich kommt die Volte.

Denn die tiefgründelnde Essayistin inszeniert eine "poetisch-mathematische Aktion" im Wiener Café Imperial. Es wird eine skurrile Fastnacht, in den Hauptrollen die Dichterin Friederike Mayröcker und Perelman, mit dabei die Dichterin Ann Cotten und Maria Callas, aus den Bilderrahmen an der Wand springen Tänzer Nijinski sowie Ingeborg Bachmann und Marilyn Monroe ("Frauenschicksale aus der Steinzeit, kommentiert die Cotten."). Wenn Mayröcker und Perelman einander an der Hand fassen, dann symbolisiert das die Erlösungshoffnung der Autorin. Wie in einem Zauberkunststück verwandelt Ulla Berkéwicz alles in ein Mysterienspiel – in der momentanen Renaissance eines plakativen Realismus wirkt das erfrischend unzeitgemäß.

Ulla Berkéwicz: Über die Schrift hinaus. Suhrkamp Verlag, Berlin 2018; 120 S., 22,– €