Ein Wunder eigentlich, dass sie noch nicht "die Päpstin" heißt. Als Angela Merkel CDU-Parteivorsitzende wurde, brachen die letzten fünf Jahre des Pontifikats des heiligen Johannes Paul II. an. Als Angela Merkel zum ersten Mal zur Bundeskanzlerin gewählt wurde, hatte gerade das siebenjährige Pontifikat von Papst Benedikt XVI. begonnen. Inzwischen ist Merkel bei ihrem dritten Papst angelangt – und es ist noch nicht ausgemacht, was länger währt: Franziskus’ Zeit auf dem Stuhl Petri oder die vierte Amtszeit der ersten Frau im Bundeskanzleramt. Kommenden Samstag erhält die Pfarrerstochter obendrein in Assisi die höchste Auszeichnung des Franziskanerordens. Ein Wunder wirklich, dass "die Päpstin" noch nicht zu ihren Spitznamen zählt.

Warum aber liegen dann die Union und die katholische Kirche so oft über Kreuz? In dieser Woche, da in Münster der 101. Deutsche Katholikentag beginnt, streiten Kirche und Unionsparteien nicht nur über Markus Söders Alleingang beim Kreuz. In dieser Ausgabe von Christ&Welt erinnert Merkels neue Generalsekretärin Annegret Kramp-Karrenbauer ihre Kirche daran, dass sie in Sachen Frauenförderung womöglich von der CDU noch manches lernen kann. Und der neue, gern als Merkel-Widerpart und Söder-Verbündeter etikettierte Gesundheitsminister Jens Spahn hält seiner Kirche – ebenfalls in dieser Ausgabe – ihre Positionen zu Homosexualität und Sünde vor. Umgekehrt haben sich führende Köpfe der Kirche bis vor Kurzem in der Flüchtlingspolitik so deutlich gegen den CSU-Chef und jetzigen Bundesinnenminister Horst Seehofer gestellt, dass es manchen CSU-Ortsverband in der Frage einigermaßen zerrissen hat.

Dabei gehen die Positionen auf beiden Seiten durchaus durcheinander: Seehofers Ärger zum Beispiel war Merkels Freude – die Protestantin konnte sich in der Flüchtlingsfrage seit 2015 fest auf Reinhard Kardinal Marx verlassen, obwohl der nicht nur Vorsitzender der Deutschen Bischofskonferenz ist, sondern auch Heimatbischof von Seehofers Staatskanzlei in München. Der überraschende Kreuzzug des zeitweiligen Mitglieds der evangelischen Landessynode, Markus Söder, wiederum stieß zu Anfang auf allerschärfsten Widerspruch des katholischen Münchner Kardinals, ehe der langsam beidrehte.

Ein Kardinal, der vor dem Kreuz warnt? Ein konservativer katholischer Jungminister, der seiner Kirche rät, mehr Homosexualität zu wagen? Union und Kirchen sind nicht nur über Kreuz, es herrscht auch ein kräftiges Durcheinander bei Positionen und Protagonisten. Da kommt das Katholikentags-Motto gerade recht: Suche Frieden.

Zeit für ein paar Sortierarbeiten also.

1. Woher kommt die Verwirrung?

Gleich, ob einem Söders Vorstoß passt oder nicht, er hat gezeigt: Das Kreuz ist wieder da. Damit war nun wirklich nicht zu rechnen in diesen vermeintlich glaubensentleerten Zeiten. Innerhalb einer Woche eine deutschlandweite Diskussion um Sinn, Zweck und Gefahren eines allzu demonstrativen Umgangs mit dem Kreuzeszeichen auszulösen – das ist keiner Fronleichnamsprozession gelungen und erst recht keiner Arbeitsgruppe der Deutschen Bischofskonferenz. Kein Wunder also, dass zunächst einmal alle irritiert sind, vor allem in den beiden großen C-Organisationen, der weltlichen, also CDU/CSU, und der geistlichen, also den Kirchen.

2. Was sind die Folgen?

An der neuen Markus-Monstranz ist nun so leicht kein Vorbeikommen mehr, auch nicht auf dem Katholikentag.

Nachdem Söders Kreuzeserrichtung zunächst hinweggespült zu werden schien von der Sintflut aus Internet-Memes und Kabarett-Scherzen, schält sich heraus: Die Spötter ermatten – und Söder steht. Sicherstes Anzeichen dafür ist, dass plötzlich Kardinal Marx versöhnliche Töne anschlägt und sich der Position seines evangelischen Gegenübers Heinrich Bedford-Strohm annähert, der von Anfang an einen evangelischen Ministerpräsidenten in Bayern nicht alleine im Regen des Spotts stehen lassen wollte. Dass Söder jetzt noch weicht von seiner Position, davon ist ohnehin nicht auszugehen, da ihm in Bayern Umfragen zur Kreuzesfrage eine deutliche absolute Mehrheit beschert haben.

Sowenig es Söders Kritikern also gefallen mag, er hat demonstriert: Das Christentum taugt wieder als Identitäts-Ressource, wenn auch als hoch problematische. Die urbane Gesellschaft der Moderne erweist sich damit als viel oberflächlicher säkularisiert, als es gerade die Kulturpessimisten in den Kirchen für möglich hielten. Unter dem offensiven Bekenntnis, man glaube doch schon lange nichts mehr, steckt bei vielen Menschen eine Empfänglichkeit zumindest für den binären Kultur-Code des Kreuzes: Bist du von hier – oder von woandersher?