Der Brief mit dem Gerichtstermin, der darüber entscheiden wird, ob Sacorro Menendez*, eine vierfache Mutter von 47 Jahren, nach 20 Jahren in Amerika zurück nach Mexiko deportiert wird, ist mit drei lustigen Magneten an der Kühlschranktür befestigt. Menendez hat jetzt keine Zeit, an diesen Termin in zwei Wochen zu denken, sie muss zur Frühschicht.

Ein früher Morgen in Denison, einem kleinen Städtchen mit 8.000 Einwohnern in Iowa. Draußen ist es noch dunkel. Drinnen lächeln die Jungfrau von Guadeloupe sowie die vier Kinder Anna, Magali, Ricardo und Lupita aus großen Fotos von den Wänden auf Sacorro Menendez herab. Ricardo ist eben von der Nachtschicht nach Hause gekommen, die drei Mädchen sind längst ausgezogen. Sacorro Menendez packt ihr Mittagessen ein und macht sich, wie fast jeden Tag der letzten 20 Jahre, auf den Weg zum anderen Ende der Stadt, wo die hell erleuchteten Schlachthöfe in den Nachthimmel strahlen.

Sacorro Menendez ist eine von elf Millionen illegalen Immigranten in den USA. Sie hat fast ihr halbes Leben in dem Land verbracht, in dem sie offiziell gar nicht sein dürfte. Denn die Politik hat es in der ganzen Zeit nicht geschafft, eine klare Antwort auf die Frage zu finden, wie das Land auf die vielen illegalen Einwanderer reagieren soll. Die Republikaner wollten billige Arbeiter, die Demokraten sahen in ihnen zukünftige Wähler, ein wachsender Teil der Bevölkerung reagierte zunehmend mit Ablehnung. Herausgekommen ist eine Politik voller Widersprüche.

Zwei Beispiele.

Menendez darf als Illegale nicht arbeiten. Aber da jeder annimmt, dass die meisten der Illegalen es dennoch tun, wurde unter dem Präsidenten Bill Clinton 1996 für sie die Möglichkeit geschaffen, ganz legal Steuern auf ihr illegal verdientes Geld zu zahlen. Die Einwanderungsbehörde erfährt davon nichts, denn das Finanzamt leitet die Daten nicht weiter.

Oder 2004. Da wurde Menendez’ Ehemann Arturo bei einer Razzia im Schlachthof erwischt und ein Abschiebeverfahren gegen ihn eingeleitet. Ein solches Verfahren kann sich über viele Jahre hinziehen, zu Beginn jedoch erhält der Abzuschiebende eine temporäre Aufenthaltsgenehmigung und eine Sozialversicherungsnummer. Mit dieser Nummer fand Arturo, der Illegale, umgehend einen neuen Job.

Solche Widersprüche sind es, die Politiker wie Donald Trump groß machen. Wenn eine Regel die andere neutralisiert, wird Politik richtungslos. Wo legal und illegal nicht mehr auseinanderzuhalten sind, verliert die Gesellschaft an Ordnung.

In der Region um Denison wird das Fleisch für die Supermärkte in ganz Amerika abgepackt. Schweine, Kühe, Hühnchen, hier wird alles zerlegt, verpackt und verschickt. Man nennt die Gegend auch den Schlachthof Amerikas. Die größte Fabrik in Denison, Smithfield, beschäftigt 1.700 Arbeiter. Sacorro Menendez’ Ehemann Arturo hatte hier 1994 angefangen zu arbeiten, vier Jahre später folgte ihm Sacorro mit den vier Kindern nach Denison.

Gemeinsam mit ihrer Tochter Magali sitzt Saccoro in der Kanzlei ihres Anwalts. Sie trägt weiße Stiefelchen und schillernden, grünblauen Lidschatten. Jedes Wort in dem Gespräch muss ihre 27-jährige Tochter Magali übersetzen, denn Sacorro spricht auch nach 20 Jahren kein Englisch.