Dieser Text wird unter dem Einfluss von Drogen geschrieben. Ich lege eine Platte von Oscar Peterson auf, Put On A Happy Face, ich habe das Album im Esszimmer von Roger Willemsen gesehen, einem Esszimmer, das gleichzeitig eine Audiothek darstellt. Tausende CDs und herrliche Vinyl-Ausgaben der großen Bebop-Stars. Billie Holiday, Sonny Rollins und eben auch Peterson, der Pianist, der mit zwei Händen so füllig klingen konnte wie ein ganzes Orchester. Berauschend.

Die Privatvilla des 2016 gestorbenen Publizisten und Moderators soll zum Arbeitshaus für Künstler werden, eine Stiftung vergibt von nun an jedes Jahr zehn Stipendien.

Zwei Stunden darf ich mit anderen Gästen durch dieses Haus streifen und ein paar Leute kennenlernen, die Willemsen viel bedeutet haben: Frank Chastenier, den Jazz-Pianisten, der Willemsen auf Lesungsreisen begleitete, als Musiker, Freund, Ideengeber. Nikolaus Gelpke, den Chef des Mare-Verlags, der in einer kurzen, bewegenden Rede erklärt: "Mein berufliches, mein privates Glück – verdanke ich alles Roger."

Gelpke hatte Mitte der nuller Jahre den Verlag auflösen wollen, aber Willemsen hatte energisch widersprochen und dem Freund neuen Mut gegeben. Und da war noch diese Lektorin, die wegwollte aus Frankfurt. Katja Scholtz, heute Leiterin des Buchprogramms von Mare und Gelpkes Ehefrau, sagt: "Roger war unser Matchmaker. Er sagte damals: ›Ruf den Gelpke an, der braucht jemanden für seinen Verlag. Das könnte passen.‹"

Herbert Grönemeyer ist da, Willemsen und er freundeten sich in den Neunzigern an. "Wir haben viel geredet, gealbert", sagt der Musiker. "Roger war ein Mann ohne Attitüde."

Willemsen schrieb 1998 im Spiegel den Nachruf auf Grönemeyers Ehefrau Anne. Und Grönemeyer schrieb später den Song Mensch, mit der ergreifend lakonischen Zeile "Du fehlst". An diesem Vormittag spielt Chastenier ein Stück auf dem Stutzflügel im Wohnzimmer. Grönemeyer steht mit halb geschlossenen Augen da und sagt irgendwann: "Na höma, was das denn?" Der Pianist hat Mensch in eine Jazzballade verwandelt, zart und doch prägnant, melancholisch, ohne sentimental zu sein.

Ich gehe durch die prächtigen Räume, überall Literatur und Musik. Auf einem Sideboard steht das besagte Album von Oscar Peterson. Ich höre die Platte jetzt zum dritten Mal, ganz pragmatisch, via YouTube. Aber es reicht, um zu verstehen, woher Willemsen die immense Kraft nahm für seine vielen Projekte. Dieser Intellektuelle war spontan, er improvisierte, verblüffte. Er groovte mit anderen Denkern und Künstlern, debattierend, moderierend, schreibend und dozierend. Roger Willemsen machte Jazz mit Diskursen.