Und wie heißt du? Es gibt wenige andere Fragen, die man im Leben so oft beantwortet. Trotzdem erinnere ich mich noch ganz genau an dieses eine Mal, als ich die Frage hörte. Und das, obwohl es schon mehr als 30 Jahre zurückliegt. Ich habe damals nämlich gelogen.

Ich muss etwa fünf oder sechs Jahre alt gewesen sein, und meine Eltern und ich verbrachten den Sommerurlaub am Meer. Auf einem Spielplatz hinter dem Strand traf ich ein anderes Kind, mit dem ich herumtobte. Irgendwann fragte es, wie ich heiße. Zunächst antwortete ich, ohne groß darüber nachzudenken: "Katrin." Weil wir aber so wild umherrannten, hatte das Mädchen mich nicht verstanden und fragte noch mal: "Wie?" Ich schaute es an, und in diesem kurzen Moment entschied ich, mich zu verwandeln – und sagte: "Ich heiße Bianca!"

Ich war mit meinem Namen gar nicht wahnsinnig unglücklich. Katrin hießen viele, das war schon okay. Aber eben auch nicht mehr. Bianca dagegen, das klang für mich unglaublich schön. Nur hieß ich leider nicht so. Bis ich mir dort auf dem Spielplatz selbst diesen Namen überstülpte. Es fühlte sich ein wenig an wie Verkleiden. Weil mich niemand kannte, konnte ich zu Bianca werden. Zumindest für ein paar Stunden.

Ein Mensch und sein Vorname sind ein seltsames Team: Wir suchen ihn uns nicht selbst aus und tragen ihn trotzdem meist ein Leben lang. Hobbys, Freunde, Lieblingsessen – all das ändert sich. Der Vorname aber bleibt. Er ist wie eine Art magisches Kleidungsstück, das niemals zu klein wird, obwohl man selbst wächst.

Manche haben mit ihrem Namen Glück, für sie passt er so perfekt wie die Lieblingsjeans. Einige sind aber auch richtig unglücklich – als müssten sie jeden Tag mit einem scheußlichen Pullover in die Schule gehen. Dabei geben sich die meisten Eltern viel Mühe, wenn sie einen Namen aussuchen. Früher war das anders: Da bekamen die Kinder den Namen des Vaters oder der Oma oder eines Paten. Gern wurden sie auch nach Heiligen genannt. Heute finden es die meisten Eltern am wichtigsten, dass ein Name schön klingt – wie Leon oder Luisa. Das kam bei einer Umfrage heraus. Manche wollen aber auch etwas richtig Ausgefallenes. Es gibt bei uns Mädchen, die Püppchen, Kastanie und Excel heißen, und Jungen namens Legolas, Balu und Nemo. Eine Familie aus Syrien hat ihre Tochter im vergangenen Jahr sogar nach unserer Bundeskanzlerin benannt: Das Mädchen heißt mit erstem Vornamen Angela, mit zweitem Merkel.

So verrückt einige Namen klingen, sich einfach einen ausdenken dürfen Eltern in Deutschland nicht. Jeder Vorname muss offiziell eingetragen, also genehmigt werden. Das geschieht bei den Standesämtern. Dort arbeiten Männer und Frauen, die entscheiden, ob ein Name erlaubt wird oder nicht. Wenn Eltern mit einem sehr ungewöhnlichen Vorschlag kommen, holen sich die Beamten Rat bei Fachleuten. Zum Beispiel bei Andrea Ewels. Sie ist die Chefin der Gesellschaft für deutsche Sprache, die sich auch mit Vornamen auskennt.

Drei wichtige Regeln gibt es, wenn ein Name erlaubt werden soll: Er muss klingen wie ein Vorname. Es sollte erkennbar sein, ob er für einen Jungen oder für ein Mädchen ist. Am wichtigsten aber ist, dass ein Name nicht dem Wohl des Kindes schadet. Darum durfte eine Familie ihre Tochter zum Beispiel nicht Scheißerle nennen. Wenn es unbedingt etwas Besonderes sein soll, dann raten Experten wie Andrea Ewels den Eltern, ihrem Kind einen gewöhnlichen Zweitnamen dazuzugeben, damit es später selbst wählen kann. Denn die Kinder wollen oft gerade nicht exotisch heißen.

Die Standesämter holen sich bei Andrea Ewels und ihren Kollegen nicht nur Rat, sie schicken den Sprachforschern auch einmal im Jahr die Sammlung der vergebenen Namen. Daraus wird eine Hitliste berechnet. Die ist in Deutschland allerdings seit vielen Jahren ziemlich langweilig, weil sich kaum etwas ändert. Marie, Sophie, Maximilian und Paul – diese Namen sind seit mehr als zehn Jahren auf den vorderen Plätzen. Interessant ist, dass gar nicht viele Kinder so heißen. Es gibt nämlich immer mehr unterschiedliche Namen. Allein Andrea Ewels und ihr Team bestätigen jede Woche fünf bis zehn neue Vornamen. Mehrere Hundert kommen so jedes Jahr hinzu.

Aber wie wichtig ist der Name überhaupt für mein Leben? Wäre ich heute ein anderer Mensch, wenn ich mich damals auf dem Spielplatz für immer in eine Bianca verwandelt hätte? Das sicher nicht, trotzdem verbinden wir mit einem Namen bestimmte Eigenschaften. Wenn dein bester Freund Linus heißt, ist das für dich ein "guter" Name. Ist Linus aber der Nachbar, der dich immer hänselt, wird ein Linus, der neu in deine Klasse kommt, erst mal beweisen müssen, dass er kein Fiesling ist.

Wir haben zu bestimmten Namen also Vorurteile, und die entstehen nicht nur durch eigene Erfahrungen. Namensforscher an der Universität Leipzig sammeln dazu Meinungen von Menschen. Sie fanden zum Beispiel heraus: Einen Kornelius halten viele für reich und schlau, aber für nicht besonders gutaussehend. Bei Dorothea denken viele an eine ältere Person, die unsportlich ist, dafür nett und klug. Das klingt erst mal unfair, aber natürlich kann jeder durch sein eigenes Verhalten zeigen, dass er anders ist. Außerdem folgen Namen Trends. Was heute total modern ist, kann in zehn Jahren altmodisch wirken.

Meine Bianca-Begeisterung endete damals noch viel schneller. Denn irgendwann tauchte meine Mutter auf dem Spielplatz auf und rief mich. Schwups, war ich wieder Katrin. Doch das war nicht alles. Als die Mutter des anderen Mädchens erfuhr, dass ich gelogen hatte, verbot sie ihrer Tochter, mit mir zu spielen. Bianca klang plötzlich gar nicht mehr schön in meinen Ohren. Wieso hatte ich jemals so heißen wollen? Ich entdeckte stattdessen bald einen neuen Sehnsuchtsnamen: Anna-Lena. Umbenannt habe ich mich aber nicht noch einmal. Diesen Namen bekam eine alte Puppe.