Was bringt einen 25-Jährigen aus der Pfalz dazu, ein flammender Fan des Ostens zu werden? Ein Gespräch mit Luca Schütze, der seinen Eltern jetzt Ost-Nachhilfe geben will

DIE ZEIT: Herr Schütze, Sie haben uns einen Leserbrief geschrieben. Und darin erzählt, dass Sie sich – als junger Westdeutscher – sehr unwohl fühlten mit der Art und Weise, wie über den Osten diskutiert wird. Wieso eigentlich?

Luca Schütze: Weil ich nichts wusste über die Ostdeutschen, gar nichts. Bei Ihnen in der ZEIT sind zuletzt viele Texte von jungen Ostdeutschen erschienen. All diese Leute in meinem Alter haben sich kritisch mit ihren Eltern auseinandergesetzt, haben sich gefragt: Was hat uns so voneinander entfremdet? Warum tragen die Eltern Wunden aus der Nachwendezeit mit sich herum? Mich hat das aufgewühlt. Weil ich dachte: Mein Gott, in den Ost-Bundesländern gibt es solche emotionalen Auseinandersetzungen, da ringen Kinder und Eltern miteinander. Und wir hier in Westdeutschland – warum tun wir das nicht?

ZEIT: Wo genau kommen Sie her?

Schütze: Aus der Pfalz, aber nun lebe und studiere ich in Hamburg. Es hat bis vor einigen Jahren eigentlich wenig gegeben, was mich mit Ostdeutschland verband. Gerade deshalb bin ich ins Grübeln gekommen. Bei uns im Westen wird –aus meiner Sicht – ignorant über den Osten hinweggegangen. Ich kann das nur noch schwer ertragen. Und habe deshalb beschlossen, mit meinen Eltern jetzt über das Thema Ostdeutschland zu sprechen. Es gab auch einen Moment, der alles auslöste.

ZEIT: Welcher war das?

Schütze: Die Beerdigung meines Onkels. Der stammte aus Baden-Württemberg, war aber vor einigen Jahren in die Uckermark gezogen. Dort wurde er auch beerdigt. Also fuhren wir alle dorthin. Nach der Beerdigung ging meine Familie in ein Restaurant, und da schmeckte es nicht. Einer meiner Verwandten musste das der Kellnerin leider auch unbedingt sagen: "Es war ungenießbar." Die Kellnerin antwortete, etwas abwehrend: "Das kann nicht sein." Daraufhin mein Verwandter: "Ja ja, dieses Verleugnen, dieses 'Das kann nicht sein', das kennt man ja aus der DDR."

ZEIT: Oh.

Schütze: Ja, das war peinlich! Die Kellnerin hat mit eisigem Schweigen darauf reagiert. Mir war es furchtbar unangenehm, danach habe auch ich mein Essen nicht mehr runterbekommen.

ZEIT: Wie haben Sie sich verhalten?

Schütze: Ich bin rausgegangen. Später habe ich mich bei der Kellnerin entschuldigt, habe ihr gesagt, dass ich mich schäme für das Verhalten meiner Familie. Sie fragte nur: "War das Essen wirklich so schlecht?" Was sollte ich da antworten – die Geschmäcker sind verschieden. Es schmeckte nicht so richtig. Da hatten wir eben Pech. In Rheinland-Pfalz saßen wir schon in massenweise schlechten Restaurants.

ZEIT: Haben Sie mit Ihren Eltern über den Vorfall gesprochen?

Schütze: Unmittelbar danach, ja. Im Grunde habe ich sie richtig zusammengeschissen im Auto. Meine Mutter hat sich zunächst gerechtfertigt. Man muss wissen, sie kommt ursprünglich aus Sardinien, also sagte sie zu mir: "In Sardinien sind die Leute auch arm und kochen trotzdem gut." Das fand ich nicht in Ordnung. Von meinen Eltern und meiner Oma gab es schließlich so etwas wie Einsicht. Sie haben verstanden, dass die Leute dieses Verhalten verletzt. Nun könnte man sagen: Meine Familie hat da eben etwas außergewöhnlich Blödes, Peinliches gemacht. Ich würde auch gern glauben, dass diese Anekdote nur etwas über sie aussagt. Aber das glaube ich eben nicht.