Es ist die Königsfrage in der VW-Affäre: Was wusste Martin Winterkorn? Genauer: Wann wusste der ehemalige VW-Chef davon, dass sein Konzern mithilfe einer speziellen Software die Abgaswerte für Dieselmotoren manipulierte? Winterkorn selbst hat sich darüber aufgeregt, dass er nicht informiert worden sei, bevor der Betrug ans Licht kam. Doch die Indizien sprechen dafür, dass diese Empörung gespielt war und der Topmanager keineswegs umgehend die Aktionäre und die Behörden alarmierte. Und das ist noch die harmlose Variante des Verdachts, diejenige, in der Winterkorn die Sache weder abnickte noch duldete, sondern nur mit der Bekanntgabe wartete, um den Konzern zu schützen. Eine vorsätzliche Täuschung wäre es gleichwohl.

Was Winterkorn wusste, das müssen Staat und Konzern also mit aller Macht versuchen aufzuklären. Doch müssen die Deutschen es auch gut finden, dass ein ehemaliger Spitzenmanager nach Wildwest-Manier von den Vereinigten Staaten verfolgt wird, wo ihm 25 Jahre Haft drohen? Dass ein hochrangiger FBI-Agent ihn mit Haftbefehl jagt und der Justizminister der USA ihm und seinen Mitangeklagten droht – nach dem Motto, wer sich mit den USA anlegt, zahlt einen hohen Preis?

US-Ermittler müssen mit wenig Widerstand rechnen, wenn es gegen Europäer geht

Zunächst lautet die Antwort: Nein. Aus gutem Grund mahlen die deutschen Rechtsmühlen langsamer. Und auch wenn da kein Befehl von ganz oben in Washington kommt, so ist doch klar: US-Ermittler müssen zu Hause wenig Widerstand befürchten, wenn sie sich mit ausländischen Konzernen und ihren Managern anlegen. Das galt für europäische Banken bei der Verfolgung von Finanz- und Steuersünden genauso, wie es jetzt für einen der beim Präsidenten so verhassten deutschen Autoriesen gilt.

Und dennoch: Offenbar brauchen wir in Deutschland die Cowboys aus Amerika, wenn es darum geht, unternehmerisches Unrecht zu verfolgen. Das war so, als das Bestechungssystem bei Siemens aufflog, das war so, als es um Manipulationen der Deutschen Bank vor der Finanzkrise ging. Und im Fall von VW ist es nicht anders.

Nie hat das Unternehmen den Eindruck erweckt, dass man der Verantwortung des Ex-Chefs wirklich auf den Grund gehen wollte. Im Gegenteil. Winterkorn musste zwar 2015 gehen, bekam bei der Gelegenheit aber willfährig bestätigt, er habe nichts gewusst. Auch später hielt VW an der Version fest, dass die Affäre unterhalb des Vorstands stattgefunden habe. Und als der Aufsichtsrat schließlich doch zu prüfen begann, ob er gegen Winterkorn vorgehen müsse, da klang dies eher bedauernd.

So trug der Konzern dazu bei, dass der Fall am Gerechtigkeitsempfinden der Deutschen nagt. Martin Winterkorn war immerhin zeitweilig der höchstbezahlte Dax-Chef, in der Spitze verdiente er rund 16 Millionen Euro im Jahr. Für ihn war das sein Anteil am Erfolg. Die Frage ist allerdings: Wo ist jetzt sein Anteil am Misserfolg, an der Krise, am Skandal?

Die staatlichen Ermittlungen dauern auch in Deutschland an. Noch ist keine Entscheidung bei den Braunschweiger Staatsanwälten gefallen, ob Anklage gegen Winterkorn erhoben wird. Im Zweifel treibt die US-Justiz indirekt auch das Verfahren hierzulande voran. Es ist betrüblich, dass die Deutschen anscheinend immer noch den Anstoß aus Übersee brauchen. Geht es um das Fehlverhalten von Topleuten in der Wirtschaft, dann hat Deutschland noch einiges zu lernen.

Die Justiz sollte Manager ebenso wie jeden anderen Bürger ohne Zögern verfolgen, sofern ein Vergehen naheliegt. Und die Konzerne sollten andere Regeln für die Chefs durchsetzen. Stellt sich auf lange Sicht heraus, dass der einstige Erfolg mit unlauteren Mitteln erkauft wurde, dann sollten die Manager ihre Boni wieder hergeben müssen – unabhängig von persönlicher Schuld. Sie mussten ja während ihrer goldenen Zeiten auch nicht nachweisen, dass der Erfolg wirklich ihr Verdienst war. Im Übrigen passt es nicht zu den CEO-Gehältern, dass Chefs wie Winterkorn noch eine monströse Pension von mehr als 3.000 Euro am Tag einstreichen. VW könnte darauf zugreifen und sie einbehalten, als Schadensersatz.

Mehr Verantwortung und weniger Versorgung, damit wäre schon einiges erreicht. Ganz unabhängig davon, ob Martin Winterkorn irgendwann irgendwo ins Gefängnis muss.

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