Das Wandern ist nicht vornehm. Über Jahrhunderte war das Gehen etwas, das man notgedrungen tat, wenn man arm war und auf Kutsche und Pferd verzichten musste – wenn es denn überhaupt sein musste, sich von einem Ort zum anderen zu bewegen. Bewegungsfaule haben noch heute eine gute Ahnung von der Plausibilität dieser Einstellung. Dass man sich freiwillig zu Fuß auf den Weg machen wollte, um eine Landschaft ästhetisch zu genießen, dieser jeder Intuition spottende Schritt, war für viele noch vor Kurzem undenkbar. Die Erfindung des Wanderns stammt eben, wie die meisten Marotten unserer Zeit, aus dem 18. Jahrhundert.

Das Wandern ist ein politisches Statement. Wer jetzt an Kuhglocken, festes Rentnerschuhwerk und Heimatministerium denkt, liegt falsch. Das Wandern ist nicht betulich, es ist eine Revolution. Der Aristokrat lässt sich tragen (höchstens promeniert er mal), der Handwerker schleppt fluchend Gerätschaften von Tuttlingen nach Meßkirch, der Bürger erst wandert mit Wonne als betont autonomes und von den Ketten der Ständegesellschaft befreites Subjekt. Das Wandern musste aufgewertet, zur regelrechten Wanderlust dramatisiert werden, um den Adligen in seiner Bewegungsscheu als verkünstelt abzukanzeln. Die Umwertung des mühsamen Gehens zum ästhetischen Hochgenuss ging dabei nicht ohne Verlogenheit einher: Erst mit dem flächendeckenden Netz von Postkutschenverbindungen und der Möglichkeit, jederzeit in die Eisenbahn zu steigen, wagte sich der Bürger in die von ihm unterworfene und gestaltete Natur. Dichter und Musiker besangen sie mit posthornlautem Fernweh in der Romantik, schrieben vom offenen Wanderweg und allegorisierten ihn zur aufgeklärt-selbstbestimmten Biografie wie Jean-Jacques Rousseau. Und Künstler malten sich und andere als Wanderer in der Landschaft, die zuvor als Sujet der Malerei ziemlich unbedeutend war.

In der Alten Nationalgalerie auf der Berliner Museumsinsel sind nun Werke zur Wanderlust zu sehen, und man mag es kaum glauben, dass es die erste Kunstausstellung zum Thema überhaupt ist. Es gelang dabei, eines der ikonografischsten Werke des 19. Jahrhunderts überhaupt nach Berlin zu holen: Gustave Courbets Begegnung. Der Künstler tritt als Wanderer seinem Gönner Alfred Bruyas und dessen Diener entgegen – und zwar auf für den Mäzen demütigende Weise, mit überlegener, kraftstrotzender Haltung und herablassendem Blick. Der Diener senkt den Kopf gottesfürchtig, Bruyas breitet schüchtern den linken Arm aus, Courbet aber hält den Wanderstock mit phallischer Überbietungslust. Mit dem Wandern wird eben nicht nur die Natur bezwungen. Das viril-fruchtbare Künstlergenie triumphiert über alles Weltliche, selbst über das Geld, das ihn am Leben erhält. Dass Courbet in Wahrheit mit dem Zug zu Bruyas gereist ist und nicht zu Fuß, gehört zur jugendlichen Frechheit dieses Bildes.

Erstmals wird auch das Pendant zur Begegnung zusammen mit Courbets Werk gezeigt. Paul Gauguin hatte einst gemeinsam mit Vincent van Gogh das Courbet-Bild bestaunt und sich daraufhin ebenfalls selbst gemalt – allerdings als verschrobenen Einzelgänger, vor dem selbst eine arme Bäuerin das Weite sucht. Überhaupt lebt diese frühlingshafte und in jeder Hinsicht gelungene Sonderausstellung von klug arrangierten Kontrasten. Man ist fast versucht, im Kuratorensprech von einem gelungenen Kommunikationsraum zu reden, in dem die rund 120 Bilder aus aller Welt miteinander in Beziehung treten. In Caspar David Friedrichs Wanderer über dem Nebelmeer kommt die erhabene Einsamkeit des über allen Gipfeln in die unklare Ferne blickenden Individuums zur Anschauung. Wie heiter ist doch dagegen das Porträt von Jens Ferdinand Willumsens Frau, die er als Bergsteigerin in einem Tal gemalt und der Venus Medici nachgebildet hat – die Gefahren der Natur werden nicht erhaben bewältigt, sondern mit Anmut kontrastiert.

Der Süden wird mit Schwung begrüßt in Heinrich Becks Blick in das Etschtal, ein Wanderer hebt im Laufschritt den Hut, als es endlich ins Tal geht. Der Dessauer Hofmaler reiste, wie so viele deutsche Künstler, immer wieder nach Italien. Und nichts ist für den deutschen Wanderer schöner, als die Alpen hinter sich zu lassen und dort umherzulaufen, wo noch heute alles heller, wärmer und weniger selbstquälerisch ist. Dass die Italien-Begeisterung nicht immer frei von Selbstparodie ist, zeigt Carl Spitzweg in seinem Bild Engländer in der Campagna – eine bebrillte Gruppe von Touristen schaut inmitten der Ruinenlandschaft in Reisehandbücher. Ungefähr so, wie man sich heute die Sehenswürdigkeiten ergoogelt, wenn sie plötzlich vor einem stehen.

Das Wandern war der Aufbruch aus der ständischen Gesellschaft und gleichzeitig die Weltflucht aus der industrialisierten Moderne, die mit der Erschließung des Raumes paradoxerweise überhaupt erst die Voraussetzungen zum zweckfreien, ästhetischen Vagabundieren schuf. Das Wandern war und ist eine demokratische Kulturpraxis: Mit der Uniform aus Wanderhut und Stock ist jeder gleich, und die lebensreformatorischen Wandervögel zogen mit Gitarren bewaffnet durch deutsche Landschaften. Otto Dix spielt in einem fast altmeisterlichen Selbstporträt auf die zeitgenössische Bewegung an. Dass sie schon zwei Jahrzehnte später in der Hitlerjugend aufgehen und das Egalitäre sich fatalerweise mit dem Völkischen verbinden sollte, war da noch nicht abzusehen. Ernst Barlach erschuf 1934 seine Holzskulptur Wanderer im Wind. Der Hut ist in die Stirn gezogen, jeder Schritt nun eine Qual.

"Wanderlust. Von Caspar David Friedrich bis Auguste Renoir", Alte Nationalgalerie Berlin, bis zum 16. 9.

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