Knud Andresen arbeitet in der Forschungsstelle für Zeitgeschichte der Hamburger Universität und ist Experte für die Geschichte der Protestkultur in der Bundesrepublik.

DIE ZEIT: Herr Andresen, was trieb die 68er an?

Knud Andresen: Die Welt war im Aufbruch. Junge Menschen lasen viel und hofften, durch politisch-theoretische Texte die Welt verstehen und verändern zu können. Plötzlich schienen sich die Fortschrittshoffnungen der Moderne zu erfüllen: Es gab neue technische Innovationen, neue Ideologien, neue Theorien. Die Kolonialstaaten wurden unabhängig, es gab Befreiungsbewegungen weltweit – da schien der Moment gekommen, in dem sich historisch viel bewegen könnte.

ZEIT: Ikonisch geworden ist ein Hamburger Moment: Am 9. November 1967 entrollten die Asta-Vorsitzenden bei der Rektoratsübergabe im Audimax der Uni ein Transparent mit der Aufschrift "Unter den Talaren / Muff von 1.000 Jahren".

Andresen: Die Professoren konnten die Aufschrift in der Situation gar nicht lesen, sie liefen ja dahinter. Sie schritten mit ihren deutschen Doktorhüten und Ordinarienmänteln die Treppe herunter, setzten sich, hielten dann ihre Reden. Nichts daran war in dem Moment spektakulär. Dann wurde das Foto veröffentlicht, und es wurde zum Symbol für den Kampf gegen verkrustete Uni-Strukturen. Der Stoff, auf dem das geschrieben stand, war der Trauerflor von Benno Ohnesorg – dem Studenten, der im Juni 1967 bei der Anti-Schah-Demo in Berlin erschossen wurde. Mit Ohnesorgs Tod begann auch in Hamburg die Unruhe. Einen Tag nach seinem Besuch in Berlin kam der Schah nach Hamburg, Polizisten ritten in die Menge der Demonstranten vor der Staatsoper, viele wurden verletzt. Das hat die Hamburger Studierenden weiter politisiert.

ZEIT: Schon damals galt Hamburg allerdings als "theoriearm". War 1968 hier langweiliger als in Städten wie Frankfurt am Main oder Westberlin?

Andresen: Langweilig war es hier nicht. Aber die Uni Hamburg hatte einen stärker sozialdemokratisch geprägten Asta. Auch die beiden Träger des Transparents waren nicht im SDS, also im Sozialistischen Deutschen Studentenbund, sondern im Sozialdemokratischen Hochschulbund. Viel drehte sich in Hamburg ganz pragmatisch um das Hochschulgesetz: Man forderte radikale Reformen, die Ordinarienuniversität sollte weg – also die Uni mit autoritären Strukturen, in der nur einige wenige Professoren das Sagen hatten. Studierendenvertreter versuchten zunächst, eine Reform durch Gremienarbeit zu erreichen. Erst als das nicht klappte, griffen sie 1967 zu neuen Protestformen wie dem "Talar"-Transparent. Eine solche Entwicklung gab es in vielen westdeutschen Universitätsstädten.

ZEIT: Vorher wurde aber schon der SDS aktiv: Am 8. August 1967 stürzten Studierende eine Kolonialstatue im Hof der Hamburger Universität. Als die Verantwortlichen vor Gericht standen, sprengten Unterstützerinnen den Prozess: indem sie sich auszogen.

Andresen: Die Universität hatte eine beschämende koloniale Tradition, die vorher verschwiegen wurde. Dagegen gab es durchaus wütenden Protest. Auch in Hamburg gab es schließlich Leute, die sich als Revolutionäre empfanden. Nachdem ein Rechtsradikaler am 11. April 1968 in Berlin auf Rudi Dutschke geschossen hatte, kritisierten die Studierenden die Bild-Zeitung und ihre hetzerische Berichterstattung. In Hamburg zogen Demonstranten einen Tag nach dem Attentat vor das Springer-Gebäude und versuchten, die Auslieferung der Zeitungen zu stoppen. Auch in anderen Städten gab es gewaltsamen Protest. Das waren die Osterunruhen.