Hanna Mittelstädt

geriet als Studentin in eine Anarcho-Kneipe und gründete einen Buchverlag. Einige ihrer Freunde wurden Terroristen

Eines Abends nahm ein Schulfreund sie mit zu den Anarchisten. Die saßen damals in einem fensterlosen Kellerlokal namens "Das Gewinde" im Karolinenviertel herum und kifften. "Die Wände waren schwarz gestrichen, die Leute schwarz gekleidet", erinnert sich Hanna Mittelstädt. Die großen 68er-Demos kannte sie aus dem Fernsehen. Jetzt wollte sie mitmachen – "gegen die totale Verkrustung der Verhältnisse nach dem Krieg arbeiten", wie sie heute sagt.

Die Verkrustung der Verhältnisse – 1968 ist 50 Jahre her, aber Mittelstädt spricht noch immer im Jargon der damaligen Protestbewegung. "Alles war unfrei", sagt sie: "die Musik, die Kunst. Aber 68 stolperte die Gesellschaft. Man stellte alles infrage."

Hanna Mittelstädt war damals 17 Jahre alt. Später brach sie ihr Soziologiestudium ab, um im "Gewinde" zu diskutieren, zwischen Rauchschwaden entstanden Utopien einer herrschaftsfreien Gesellschaft. Hin und wieder lag eine Schusswaffe auf dem Tisch, man redete vom bewaffneten Kampf. Ein Langhaariger schwang große Reden – sein Name: Lutz Schulenburg. Sie wurden ein Liebespaar, zogen in eine kleine Wohnung, tippten auf ihrer Schreibmaschine politische Flugschriften: "Dranbleiben, einmal klappt’s bestimmt!" Tipps für den anarchistischen Betriebskampf.

"MAD-Verlag, Materialien, Analysen, Dokumente" kritzelte das Paar 1973 auf das Formular für die Verlagsanmeldung. Später änderten sie den Namen, weil ein gleichnamiges Satireblatt klagte: Die "Edition Nautilus" war geboren, heute ein kleiner linker Traditionsverlag. Benannt ist er nach dem U-Boot aus Jules Vernes Roman 20.000 Meilen unter dem Meer. Als die Siebziger voranschritten, verschwanden alte Genossen aus ihrem Leben. "Etliche schlossen sich der RAF an", sagt Mittelstädt. Bedenkt man, dass diese Terrororganisation über die Jahrzehnte ihrer Existenz nur eine zweistellige Zahl von Mitgliedern hatte, muss ihr Freundeskreis in der Tat radikal gewesen sein. Sie nennt diese Zeit, die Filmemacherin Margarethe von Trotta zitierend, die "bleierne Zeit", in der viele Linke nur zwei Optionen gesehen hätten: "Bewaffneten Kampf oder K-Gruppe, und obendrauf noch staatliche Repression."

Sie und Schulenburg druckten gegen diesen Dogmatismus an. "Wir verstanden den Zweiten Weltkrieg als Zäsur der Geschichte, wollten die anarchistischen und libertären Tendenzen wieder aufnehmen, die es davor gab."

Also verlegten sie: Dadaistisches, "Situationistisches", Absurdes – und den Text von Dinner for One. Der Silvester-Sketch finanzierte den Verlag viele Jahre. Und 2006 landeten sie mit dem Krimi Tannöd auf der Bestsellerliste. Die Werkausgabe des linken Autors Franz Jung brachte dagegen nur Verlust. Mittelstädt verlegt ihn weiter. "Weil ich es nicht ertragen kann, dass dieser Autor so vergessen ist", sagt sie.

Vor wenigen Monaten hat sich Hanna Mittelstädt aus dem Verlag zurückgezogen. Jetzt schreibt sie die Verlagschronik, veranstaltet Lesungen. Vor zwei Wochen zum Beispiel: Da las Mittelstädt vor kleinem Publikum in einem Kino in Altona aus Franz Jungs Werken. Eine seiner Geschichten beschreibt, wie ein "Torpedokäfer" immer wieder gegen eine Wand rast. In der Geschichte ist er getrieben von Hoffnung: darauf, dass irgendwann ein Loch im Mauerwerk entsteht, ein Lichtblick.