Eigentlich ist es ganz einfach. Millionenfach haben Autohersteller wie Audi, BMW, Porsche, Seat, Škoda oder VW die Käufer ihrer Dieselautos getäuscht. Sie haben den Anschein erweckt, dass die Autos auf der Straße sauberer fahren, als sie es tatsächlich tun.

Diese Täuschung flog auf. Daraufhin hätten Behörden Autos die Zulassung entziehen oder Nachrüstungen zur Fehlerbehebung anordnen können.

Stattdessen droht nun nicht den Tätern die Bestrafung, sondern den Opfern: Menschen, die im guten Glauben einen Diesel gekauft haben, dürfen womöglich bald nicht mehr damit fahren. Betroffen sind jene Autofahrer, die wenig halten vom sogenannten Software-Update. Sie hatten 18 Monate Zeit, in die Werkstatt zu fahren und ihren Diesel über eine spezielle Software sauberer zu machen. Wer sich verweigert – und das geschieht oft aus guten Gründen –, dessen Diesel wird zwangsstillgelegt.

Wie konnte es bloß so weit kommen?

Alles begann mit der Epoche des Diesel-Neusprech. Pionier war VW mit dem Begriff "Dieselthematik", es folgte nicht weniger innovativ der Rivale Daimler, der den Kunden das "Thermofenster" eröffnete. So wollte der Stuttgarter Konzern glauben machen, dass es völlig normal und legitim sei, die Abgasreinigung unter fünf Grad Celsius abzuschalten. Angeblich um den Motor zu schonen.

Die Autofahrer standen ziemlich allein da gegen diese seltsame Argumentation der Konzerne. Denn die Politik half wenig. Das zuständige Kraftfahrt-Bundesamt (KBA) ordnete nur für Autos aus dem VW-Konzern einen verpflichtenden Rückruf in die Werkstätten an. Andere Hersteller sollten die Abgasreinigung "freiwillig" verbessern. Und das, obwohl die Wissenschaftlichen Dienste des Deutschen Bundestags schon im März 2016 zum Schluss kamen, dass die Behörde viel härter hätte durchgreifen können. Thermofenster, die Autos systematisch schmutzig machen, halten die Dienste für eine unzulässige Abschalteinrichtung. Das Gutachten ist eine Ohrfeige für deutsche Ingenieure, denn selbst bei Minusgraden, so die Wissenschaftlichen Dienste, hätte die Abgasreinigung, also die Verringerung der Stickoxide (NOx), nach wenigen Minuten laufen müssen.

Der Verwaltungsrechtler Martin Führ hat für den Untersuchungsausschuss des Bundestags zum Abgasskandal ein Gutachten angefertigt. Mit ähnlichem Ergebnis wie die Wissenschaftlichen Dienste des Bundestags. "Anstatt das Fehlverhalten der Autokonzerne aufzudecken und zu bestrafen", habe das KBA "illegale Abschalteinrichtungen im Nachhinein genehmigt", sagt Führ. Die Behörden sorgten mit ihrem Verhalten für größtmögliche Rechtsunsicherheit. Auch deshalb bezeichnet Führ das Kraftfahrt-Bundesamt als "Außenstelle der Autoindustrie".

Auch Oliver Krischer, stellvertretender Vorsitzender der Grünen-Fraktion im Bundestag, kritisiert: "Die Bundesregierung hat bald drei Jahre Zeit gehabt, Rechtssicherheit zu schaffen, doch sie hat sich systematisch verweigert."

Eine KBA-Sprecherin weist die Kritik an ihrer Behörde zurück: "Wir sind nicht das Sprachrohr der Autoindustrie."

In einem Fall zumindest greifen die Zulassungsbehörden derzeit durch. Bei der Zwangsstilllegung der Fahrzeuge. Die Behörden argumentieren, dass das Software-Update die Autos wieder sauberer mache und sie ohne gar nicht mehr auf den Straßen fahren dürften. Tatsächlich werden die Motoren damit laut Industrie um 20 bis 30 Prozent sauberer. Hin und wieder aber beklagen die Fahrer später, dass der Motor nicht mehr rund läuft. Und wer etwa Volkswagen verklagen will, vernichtet womöglich Beweismittel, wenn die Werkstatt den Schaden teilweise behebt. Verbraucheranwälte raten klagewilligen Mandanten jedenfalls häufig von den Updates ab.

Konkrete Fragen der ZEIT etwa danach, warum bis heute keine Bußgelder infolge illegal verwendeter Abschaltmechanismen verhängt wurden, beantwortet das Verkehrsministerium nicht. Stattdessen schickt es "Sachinformationen". Eine Kostprobe: "Die Möglichkeiten der staatlichen Reaktion auf Verstöße gegen die Typgenehmigungsvorschriften sind so konzipiert, dass sie in Abhängigkeit von den Umständen des Einzelfalles eingesetzt werden können." Die Konzerne müssten "auf ihre Kosten" die Fahrzeuge in einen "rechtskonformen Zustand" überführen.