Was wird aus der Mannschaft?

Unmittelbar nach dem Abstieg kündigte der kommissarische Vorstandsvorsitzende Frank Wettstein an, einen überraschend großen Teil der Mannschaft halten zu wollen. "Wenn man in ihre Augen beim Schlusspfiff geguckt hat, hat man viele gesehen, die sich ihrer Verantwortung bewusst sind. Ich glaube auch, dass sie den Club und die Atmosphäre schätzen und bereit dazu sind, den Fehler zu korrigieren." Einige Spieler bekannten sich bereits zum HSV. Kapitän Gotoku Sakai erklärte, er habe "in seinem Herzen" entschieden, seinen auslaufenden Vertrag zu verlängern; Kyriakos Papadopoulos hat einen Verbleib in Hamburg nicht ausgeschlossen, ebenso der umworbene Rick van Drongelen. Die jungen Talente Tatsuya Ito, Julian Pollersbeck, Douglas Santos, Matti Steinmann, Gideon Jung und Fiete Arp, keiner älter als 23, sollen fester Bestandteil des neuen Kaders bleiben. Ob es gelingt, sie zu halten, ist allerdings unsicher. Torwart Pollersbeck sollen Angebote aus England vorliegen. Bei Arp deutet viel auf einen Wechsel zum FC Bayern München hin, der HSV kann nur hoffen, dass er anschließend für ein oder zwei Jahre zurück nach Hamburg verliehen wird. Als Ablöse sind etwa zehn Millionen Euro im Gespräch. Zum Verkauf stehen Filip Kostić, Bobby Wood, André Hahn, Albin Ekdal, Walace Souza Silva, Mergim Mavraj, Luca Waldschmidt, Christian Mathenia sowie die verliehenen Alen Halilović und Pierre-Michel Lasogga.

Die auslaufenden Verträge von Bjarne Thoelke, Dennis Diekmeier, Nicolai Müller und Sven Schipplock werden nicht verlängert. Die zuletzt formstarken Aaron Hunt und Lewis Holtby will der Verein halten. Holtby gilt als einer der Lieblingsspieler von Trainer Christian Titz, ist mit seinem Gehalt von 3,5 Millionen pro Jahr aber für die zweite Liga zu teuer. Aufsichtsratschef Bernd Hoffmann versichert, alle Personalentscheidungen, auch die Vertragsverlängerung für Titz, seien mit den möglichen Kandidaten für das Amt des Sportvorstandes abgestimmt.

Einstweilen kümmert sich Kaderplaner Johannes Spors um die Zusammenstellung der Mannschaft. Drei Neuzugänge stehen bereits fest: David Bates kommt von den Glasgow Rangers, Michael Wintzheimer aus der zweiten Mannschaft von Bayern München und Stephan Ambrosius rückt aus der eigenen U21 auf.

Wie sieht die neue Führungsstruktur aus?

Seit der Entlassung des ehemaligen Vorstandsvorsitzenden Heribert Bruchhagen und des Sportdirektors Jens Todt im März wird der HSV übergangsweise von dem 44-jährigen Finanzchef Frank Wettstein geführt. Der Aufsichtsrat hat in der Zwischenzeit eine sehr konkrete Vorstellung der neuen Führungsstruktur entwickelt. Er möchte einen dreiköpfigen Vorstand installieren – ohne übergeordneten CEO. Der Aufsichtsratsvorsitzende Bernd Hoffmann orientiert sich dabei unter anderem am Modell des FC Schalke 04, der drei gleichberechtigte Geschäftsführer hat: einen für Sport und Kommunikation, einen für Finanzen und Organisation, den dritten für das Marketing.

Dieses Modell würde vor allem Hoffmanns eigene Position stärken. Als Chef des Aufsichtsrates und Präsident der Amateur- und Breitensportler des HSV e.V., der mehr als drei Viertel der Aktien an der ausgegliederten HSV Fußball AG hält und die Fußball AG damit vollständig kontrollieren kann, ist Hoffmann der neue starke Mann des Vereins. Einen Wechsel ins Management strebt er erstmal nicht an. Aus seiner jetzigen Rolle heraus kann er den HSV nach seinen Wünschen und Vorstellungen ohne große Widerstände umgestalten.

Ob der bisherige Finanzvorstand Wettstein auch in der zweiten Liga bleibt, ist unklar. Unter seiner Führung hat der HSV seit 2014 operative Verluste in Höhe von 50 Millionen Euro erwirtschaftet, rechnet man Einmaleffekte und Bilanzkosmetik heraus, liegt die Zahl sogar bei 85 Millionen. Die kürzlich von der DFL erteilte Lizenz für die zweite Liga will Hoffmann nicht als Signal für eine geordnete wirtschaftliche Lage verstanden wissen. Man kann das als Andeutung einer zukünftigen Veränderung interpretieren. Wettstein und Nachwuchschef Bernhard Peters sind die einzig verbliebenen Führungskräfte aus der Zeit der Ausgliederung vor vier Jahren. Peters hatte sich am vorletzten Spieltag in mehreren Interviews öffentlich um den Posten des Sportvorstandes beworben und damit für Verstimmung beim Aufsichtsrat gesorgt. Seine Chancen auf eine Beförderung vom Direktor zum Vorstand stehen allem Anschein nach nicht gut. Hoffmann hat es vielmehr auf Holstein Kiels Sportgeschäftsführer Ralf Becker abgesehen, der aber erst nach den Relegationsspielen gegen den VfL Wolfsburg am 17. und 21. Mai zur Verfügung stünde – und dann über Peters’ zukünftige Rolle entscheiden müsste.

Was passiert bei Fans und Ultras?

Es hätte ein stilvoller Abstieg werden können. Etwa 15 Minuten vor Spielende, als klar war, dass der HSV nicht in der ersten Liga bleibt, stimmten die Fans am Samstag ein letztes Mal ein gemeinsames Lied an: "Mein Hamburg lieb ich sehr, sind die Zeiten auch oft schwer, weiß ich doch, hier gehör ich her!" Ein Gänsehaut-Moment in der bittersten Stunde der Clubgeschichte. Doch rund 100 Ultras entschieden sich dafür, ein anderes Bild ihres HSV zu hinterlassen. Sie vermummten sich unter einer Plane, zündeten Böller und Raketen und sorgten damit für eine zwanzigminütige Spielunterbrechung. Die Bilder von dicken, schwarzen Rauchwolken, etlichen Explosionen und brennenden Werbebanden gingen um die Welt und ließen die bemerkenswerte Reaktion eines Großteils des Publikums in den Hintergrund treten. Viele beantworteten die Aktion der Ultras mit "Wir sind Hamburger und ihr nicht"-Sprechchören und einem Pfeifkonzert.