Antisemitismus ist – allen Beteuerungen zum Trotz – Alltag in Deutschland, oftmals unerkannt, meist unwidersprochen, gern schulterzuckend oder mit großer Geste abgetan. Die antisemitischen Vorfälle sind das eine, der Umgang der Gesellschaft damit ist das andere. Letzterer ist aber entscheidend für die Opfer verbaler wie tätlicher antisemitischer Angriffe: Werden sie damit allein gelassen, oder erfahren sie Solidarität?

Dabei hat Antisemitismus viele Formen, und jedes kulturelle und politische Milieu gönnt sich seine eigenen. Häufig erregt nur der Antisemitismus der anderen Aufmerksamkeit und Widerspruch, wie die Diskussion über arabischen oder muslimischen Antisemitismus zeigt. Es geht aber darum, dass jede Form des Antisemitismus gleichermaßen erkannt, benannt und geächtet wird, statt ihn kleinzureden oder sich herauszureden. Und da hapert es allerorten.

Da schreibt Jakob Augstein: "Auch der Angriff auf den Kippaträger in Berlin hatte mit Religion wohl nichts zu tun und wurde sofort zum Politikum. Den genauen Grund des Angriffs kennt man nicht. War der Angreifer ein rassistischer Antisemit, der Juden hasst, weil sie Juden sind? Oder galt die Wut, die sich da Bahn brach, dem Nahostkonflikt, dem Schicksal der Palästinenser, der israelischen Besatzungspolitik?" Absurd. Als sei antiisraelischer Antisemitismus im Vergleich zum Antisemitismus der Völkischen annehmbarer. 40 Prozent der Deutschen sagen: "Bei der Politik, die Israel macht, kann ich gut verstehen, dass man etwas gegen Juden hat." Für das Opfer einer antisemitischen Attacke macht es aber keinen Unterschied, ob es als Jude wegen der Religion, der vermeintlichen Rasse oder aus Hass auf den jüdischen und demokratischen Staat angegriffen wird.

Israel ist der Jude unter den Staaten, das erkannte schon vor Jahrzehnten der Historiker Léon Poliakov. Bis 1945 war in Europa der Jude "an allem schuld", seit 1948 ist es Israel. Und dieses Narrativ geht so durch. Es ist ja "Israelkritik", also Politik und nicht Vorurteil. So getarnt, findet der Antisemitismus nach 1945 immer wieder zurück in den politischen Diskurs der Gesellschaft. Als Abbas im Europaparlament die Brunnenvergifterlegende aus dem 14. Jahrhundert wieder aufwärmte und behauptete, Rabbiner hätten die Vergiftung des Wassers der Palästinenser verlangt, erntete er nicht Widerspruch für seine Lüge, sondern stehenden Applaus.

An Klarheit mangelt es auch zuweilen im kirchlichen Raum. Beide großen Kirchen haben sich zwar nach dem Krieg intensiv und aufrichtig mit dem Beitrag des christlichen Antijudaismus zum modernen Antisemitismus auseinandergesetzt und theologisch das Verhältnis der Christen zu ihren "älteren Brüdern" (Papst Johannes Paul II.) neu bestimmt. Dennoch blieb das zu oft akademisch. Aufarbeitung sollte Ausgangspunkt und nicht Endpunkt des Kampfs gegen den Antisemitismus sein.

Antisemitische Skandale dienen auch der symbolischen Selbstfreisprechung

In einer bei der Evangelischen Verlagsanstalt Leipzig verlegten Festschrift behauptet der Theologe Ulrich Duchrow: "Im westlichen Imperium ist Israel also das Extrem der westlichen kolonialistischen, kapitalistischen, imperialen, wissenschaftlich-technischen gewalttätigen Eroberungskultur der letzten 500 Jahre." Im Buch schreibt der halbe geistige Kosmos der EKD-Führung über soziale Gerechtigkeit, Duchrow hingegen über seine antiisraelische Obsession. Der Beitrag als falscher Bruder. Herausgeber und Verlag, auf eine Distanzierung angesprochen, geben sich liberal: "Wir zensieren nicht die Auswahl unserer Herausgeber bei Festschriften." Wer herausgeberische und verlegerische Verantwortung mit Zensur verwechselt, hat den ethischen Zusammenhang von Freiheit und Verantwortung nicht begriffen.

An Konsequenz fehlt es ebenfalls, wenn die Ablösungstheologie von Vertretern der Kairos-Palästina-Bewegung, die die uralten antijudaistischen Wurzeln des modernen Antisemitismus neu ausschlagen lassen, in Kirchengemeinden, bei Pax-Christi- oder Evangelischen Kirchentagen toleriert wird. Die jüngeren Brüder der Juden dürfen sich angesichts solcher Ideen nicht lau, gelassen und desinteressiert zeigen.

Antisemitismus - »Hast du keine Angst?« Sieben Jüdinnen und Juden erzählen, was ihre Identität ausmacht und wie sich Antisemitismus anfühlt. Dafür ließen sie sich auf ein Videoexperiment ein. © Foto: Kevin McElvaney für ZEIT ONLINE