Die Geschichte der Industriearbeit wurde bereits oft erzählt, von oben, von unten, in dicken Wälzern und in Bildbänden. Lässt sich dem noch etwas hinzufügen? Ja, sind die Gestalter der Ausstellung Arbeit ist unsichtbar, die in Steyr gezeigt wird, überzeugt. Sie wollen in der Schau und dem dazu erschienenen Buch den nicht sichtbaren Teil von Arbeit zeigen: die sozialen Geflechte am Arbeitsplatz, Emanzipation, Mobbing, Anpassung, Versagens- und Existenzängste. Aber auch den Stolz auf die eigene Arbeit.

Die einzelnen Texte sind selten länger als vier Seiten. Der Leser wandert von einer Miniatur zur nächsten. Eine Lektüre wie ein Museumsbesuch.

Die Schau und das dazu erschienene Buch will den nicht sichtbaren Teil von Arbeit zeigen: die sozialen Geflechte am Arbeitsplatz, Emanzipation, Mobbing, Anpassung, Versagens- und Existenzängste. Aber auch den Stolz auf die eigene Arbeit.

Man erfährt, wie der Konzern Shell seinen Arbeitern auf Ölplattformen die Macho-Kultur austrieb und damit die Zahl der Unfälle senkte sowie die Produktivität steigerte. Ein Software-Entwickler erzählt, wie ihm der Start-up-Spirit ausgetrieben wurde und das von ihm entwickelte Programm seinen Job ersetzte. Man liest aber ebenso, wie Arbeiter selbst die Folgen ihres Handelns ausblenden und stolz auf ihr Produkt sind – auch wenn es Maschinengewehre der Waffenfabrik Steyr sind, wie das Schwarzlose, das Standard-MG der österreichisch-ungarischen Armee im Ersten Weltkrieg.

Paul Mason, der britische Autor, der vor zwei Jahren das viel diskutierte Buch Postkapitalismus veröffentlichte, erzählt, wie er Ende der siebziger Jahre in einer britischen Kohlefabrik in der Nähe von Manchester lernen musste, die Arbeitsschritte auch noch nach zwei großen Gläsern Bier perfekt hinzukriegen. Er analysiert, wie sich Arbeitszeit verändert hat, wie sie in kleinen Teilen verwertet wird, "als handle es sich bei ihr um Goldstaub". Er stellt die Frage, wie Kooperation unter Arbeitern in einer digitalen Welt aussehen könnte.

Und die amerikanische Soziologin Saskia Sassen beschreibt, wie Menschen aus dem System ausgeschlossen werden, Langzeitarbeitslose etwa, die einfach nicht mehr in der Statistik auftauchen, oder Ladenbesitzer, die verdrängt werden und am Ende Selbstmord begehen. "Ökonomische Säuberung" nennt sie das.

Natürlich geht es auch um Steyr, den Ort, der dank seiner geografischen Lage zur Industriestadt aufstieg, in dem in den sechziger Jahren fast die Hälfte aller Erwerbstätigen bei Steyr-Daimler-Puch beschäftigt waren. Es gab mehr Arbeit als Menschen, Gastarbeiter wurden geholt – die zwei Jahrzehnte später nicht mehr gebraucht wurden.

Denn der globale Wandel der Industriearbeit traf auch dieses Unternehmen. Ab 1987 wurde es schließlich aufgeteilt. Heute produzieren die Bayerischen Motorenwerke in Steyr. Mehr als die Hälfte aller neu verkauften BMW-Autos, werden mit einem Motor aus Steyr betrieben.

Das Buch schafft es, ein Bild der globalen Arbeit zu zeichnen. Von Steyr über Seemannsgeschichten auf Containerschiffen bis zu Sweatshops in China, Erntehelfern in Österreich und Geflügelfabriken in den USA, wo Arbeiterinnen in die Hose pinkeln oder Windeln tragen, um Toilettenpausen zu vermeiden.

Auch historische Elemente sind in die 240 Seiten eingewoben, wie die Geschichte der Familie Rauscher. Sie beginnt mit Franz Xaver Rauscher, der 1880 nach Wien zog und Gewerkschafter wurde, bis hin zu Robert Rauscher, der in den siebziger Jahren stellvertretender Leiter des Österreichischen Kulturinstituts in London wurde. In dieser Familiengeschichte allein zeigen sich die Träume der Arbeiterbewegung – wie sie in Erfüllung gingen und wie sie Österreich verändert haben.

Die Ausstellung "Arbeit ist unsichtbar" ist noch bis 23. Dezember 2018 im Museum Arbeitswelt in Steyr zu sehen.

Robert Misik, Christine Schörkhuber, Harald Welzer (Hrsg.): Arbeit ist unsichtbar. Picus Verlag, Wien 2018; 240 S., 24,– €