Es war ein pragmatischer Schritt für Mauricio Macri und ein riesiger Schreck für Lateinamerika. Ein argentinischer Präsident, der sich an den Internationalen Währungsfonds (IWF) wendet und dort einen Notfallkredit beantragt? Das hat es seit anderthalb Jahrzehnten nicht mehr gegeben. Macri wird seinen Wunsch, eine Art Dispo über 30 Milliarden Dollar, wohl gewährt bekommen. Doch er wagt ein gefährliches Spiel.

Anderswo auf der Welt würde man es so sehen: dass der konservative Wirtschaftslenker Macri, ein Finanzmarktkenner und Unternehmer, eine notwendige und vernünftige Entscheidung getroffen hat. Argentinien erlebt gerade eine Währungskrise. Der Peso verliert seit fünf Monaten gegenüber dem Dollar an Wert, Spekulanten setzen die Landeswährung unter Druck. Die Inflation liegt bei über 22 Prozent, und dagegen wirkten zuletzt weder Zinserhöhungen der Notenbank noch Macris eigene Ankündigung eines (etwas) beherzteren Sparkurses.

So was passiert Schwellenländern schon mal, in einer Welt offener Kapitalmärkte. Dollar und andere Devisen können schnell in diese Länder fließen, aber ebenso schnell ergreifen Investoren wieder die Flucht. Für sie muss es sich ja lohnen, und zuletzt waren die Konjunkturnachrichten aus den Schwellenländern im Allgemeinen und aus Argentinien im Besonderen weniger gut. Anderswo, etwa in den USA, wo die Notenbank im Augenblick die Zinsen hebt, gibt es derzeit bessere Anlagemöglichkeiten.

Mittelfristig, so lautet mehr oder weniger der Konsens an den Weltfinanzmärkten, werde Argentinien schon wieder auf die Beine kommen und wachsen. Schneller jedenfalls als um jene zwei Prozent im Jahr, die das Land derzeit zustande bringt und die für das Schwellenland als enttäuschend niedrig gelten. Diese Währungskrise gilt als Übergangsproblem, das man mit einer vorübergehenden Maßnahme durchstehen kann: mit einem Klassiker, der für genau solche Fälle erfunden wurde, einem günstigen IWF-Kredit eben.

Doch es liegt an der Wirtschaftsgeschichte Lateinamerikas, dass man hier nicht einfach so pragmatische Wirtschaftspolitik machen kann. In Buenos Aires gingen sofort Tausende gegen Macri auf die Straße. Sie protestierten dagegen, dass ihr Präsident den IWF ins Land zurückholen wolle, den großen Teufel, in ihren Augen das Böse an sich. Es half nicht, dass Donald Trump sich prompt in die Sache einmischte. Der US-Präsident nannte Macris Wirtschaftspolitik den "richtigen Weg". Was der Argentinier da treibe, sei hundertmal besser als die chaotische Wirtschaftspolitik in, beispielsweise, dem sozialistischen Venezuela.

Erst der IWF und dann auch noch Trump: Das Gros der Argentinier reagiert da empfindlich. In den Nachbarländern der Region sieht es ähnlich aus. Quasi alle Länder haben seit den siebziger Jahren schlechte Erfahrungen mit Einmischungen aus dem Norden gemacht: von US-Politikern, von US-Geheimdiensten und vom IWF.

Der Vollständigkeit halber muss man sagen: Das mit Venezuela sehen Mehrheiten in Lateinamerika so ähnlich wie Trump, aus Umfragen geht es hervor. Man weiß hier, dass der populistische comandante Hugo Chávez und sein Nachfolger Nicolás Maduro ihr Land mit abseitigen ökonomischen Theorien und miserablem Management in den Ruin getrieben haben. In Brasilien, wo 2018 ein neuer Präsident gewählt wird, macht es sich ein konservativer Kandidat namens Geraldo Alckmin gerade besonders einfach. Er erklärt einfach überall: "Wir wollen kein zweites Venezuela sein!" Das zieht.

In Ländern wie Bolivien und Chile wurden Reform-Schockprogramme umgesetzt

Doch genauso erinnert man sich in der Region daran, dass Wirtschaftsexperimente, die aus Washington gesteuert sind, katastrophal enden können. In den achtziger und neunziger Jahren nahmen fast alle lateinamerikanischen Staaten irgendwelche Kredite beim IWF auf. Der forderte als Bedingung sogenannte strukturelle Anpassungsprogramme ein. Damals war die große Zeit des Neoliberalismus, eines konservativen "Washingtoner Konsenses" unter den einflussreichen Ökonomen.

Das Volk vertraut den Ökonomen aus Washington nicht mehr

In manchen Ländern wie Bolivien und Chile wurden ökonomische Schockprogramme durchgeführt, die ganze Volkswirtschaften mit gleichzeitigen Budgetkürzungen, Handelsöffnungen, Währungsreformen und dergleichen durcheinanderschüttelten. Menschen stürzten in Arbeitslosigkeit und Armut. Als Argentinien 1998 in eine tiefe Konjunkturdepression geriet, bewirkten die vom IWF angeregten Rezepte – Sparen und Reformieren – einmal mehr nichts Gutes. Später konnte Argentinien seine Schulden nicht mehr bedienen, es landete im Staatsbankrott.

Bei den Ökonomen des IWF glaubt heute kaum noch jemand an den Washingtoner Konsens von damals, aber in Südamerika ist die Erinnerung daran quicklebendig.

Dieser Vertrauensverlust gegenüber Ökonomen aus Washington erklärt, warum in Argentinien auf die Hauruckmethoden des IWF eine genau entgegengesetzte Wirtschaftspolitik folgen konnte – die irgendwann fast so exotisch daherkam wie die in Venezuela. Der sozialistische Präsident Néstor Kirchner und seine Ehefrau und Nachfolgerin Cristina Fernández brachen mit den alten Regeln. Sie stießen Kreditgeber vor den Kopf, frisierten Wirtschaftsstatistiken, und als sie Geld brauchten, kassierten die Kirchners die Pensionen ein.

Subventionen und Sozialleistungen aus wahltaktischen Gründen

Mit straffen Import- und Exportbeschränkungen legten sie große Teile der Industrie und sogar die berühmte argentinische Rindfleischbranche lahm. Anderswo gewährten sie wirtschaftlich willkürliche, aber wahlpolitisch gut durchdachte Subventionen und Sozialleistungen. Zeitweise ging es Argentinien trotzdem gut, weil die Weltkonjunktur rundlief. Außerdem war den Argentiniern vieles egal: Die angeblichen Vernunftargumente klassisch denkender Ökonomen hatten ja seit den IWF-Tagen ebenfalls ihre Glaubwürdigkeit verloren. Da konnte man auch das eine verrückte Experiment durchs nächste ablösen.

Macri steuert zurück zu dem, was im Großteil der Welt als vernünftig angesehen wird: ordentliche Haushaltsführung, stabiler Geldwert, Hoffnung auf langfristiges Wachstum. Er lockert die Import- und Exportregeln wieder, gibt die Kapitalflüsse frei, versucht ein paar Kürzungen in dem reichlich überzogenen Budget. Er kippt Preiskontrollen für Wasser, Gas und Benzin, was die Preise steigen lässt. Er will das mit Senkungen bei der Einkommensteuer ausgleichen, wovon viele Arme freilich nicht viel haben. Manches davon löst Proteste aus, und die Argentinier werden allmählich ungeduldig: Wo bleibt der versprochene Macri-Boom?

Die Antwort darauf ist umstritten. Macris Befürworter sagen, orthodoxe Wirtschaftspolitik brauche Zeit. Vor allem in dieser schwierigen Konjunktur, in der auch Nachbarstaaten wie Brasilien nicht aus der Krise kommen. Macris Gegner sagen, dass klassische Wirtschaftspolitik in den Ländern Lateinamerikas ein naives Unterfangen sei: Bei so gewaltigen Gräben zwischen Arm und Reich, Gebildeten und Ungebildeten, korrupten Oligarchen und einem machtlosen gemeinen Volk könne der Markt es nicht richten. Wirtschaftsmodelle, die in Berlin oder Washington funktionieren, würden auf diesem Kontinent immer wieder scheitern.

Solche Grundsatzdebatten kommen jetzt wieder auf. Drei Viertel der Argentinier geben in Umfragen an, dass sie gegen Macris Dispokredit beim IWF sind. Peronisten, Anhänger der früheren Präsidentin Cristina Fernández, wittern Frühlingsluft für die Wahlen 2019. Der Regionalanalyst einer Wall-Street-Bank teilte unter der Hand mit, dass er selber Bedenken gegen Macris Kreditaufnahme habe: aus Gründen der Politik. "Das Risiko steigt, dass Macri 2019 vielleicht nicht wiedergewählt wird", sagt er.

Der Politikwissenschaftler Oliver Stuenkel von der Getúlio-Vargas-Stiftung in São Paulo befürchtet schon, dass Macris Dispo auch die brasilianische Präsidentschaftswahl im Oktober beeinflussen könnte. Nach dem Motto: Wer einen wirtschaftsorthodoxen Kandidaten vom Schlage Macri wählt, hat bald auch den IWF im Haus.