Nachdem ich 72 E-Mails gelesen, aussortiert und teils beantwortet habe und aus 9.366 Zeichen einen Text geformt habe, nachdem ich eine Stunde und 59 Minuten Zug und zwei Stationen S-Bahn gefahren bin, soll ich einen "schönen Abend erleben". Das wünscht mir Tijana Titin, Malerin von Beruf, ab jetzt, für zweieinhalb Stunden, Malcoach im Nebenberuf. "Cheers!", sagt sie, hebt ihr Glas, und da ich noch keines habe, proste ich ihr mit dem Wasserbecher zu.Die Devise lautet: Staffelei statt Bildschirm!

Hier gibt es Entspannung für 35 Euro

Vergangene Woche Mittwoch, ein Raum im Süden Berlins, der Abend soll zur ArtNight werden, die habe ich gebucht. "Paint like Klimt" für 35 Euro. Auf der Webseite steht, dass es um "Kreativität in guter Gesellschaft" geht. "Die Devise lautet: Staffelei statt Bildschirm!" Ausschließlich Frauen sind gekommen, wenige unter 30, die meisten zwischen 40 und 50. Bei Malern wie Klimt sei das immer so, sagt Aimie Carstensen-Henze, die neben mir sitzt. Sie ist Mitgründerin von ArtNight und malt zweimal im Monat selbst mit: Zielgruppe beobachten und befragen, um das Produkt weiter zu optimieren.

In einer Zeit, in der die Menschheit nach do it yourself strebt und der gestresste Mensch nach Entspannung, nach Büchern, die Malen und entspannen oder Das Anti-Stress-Malbuch heißen und eine postkindliche Malen-nach-Zahlen-Hysterie ausgelöst haben, ist so eine Veranstaltung der nächste logische Schritt: eine Leinwand, drei Pinsel, malen und zahlen. Das Internet nennt ArtNight schon ein "Trend-Event".

Tijana Titin erklärt uns das Motiv für diesen Abend. Wir werden einen Ausschnitt aus Gustav Klimts Die drei Lebensalter der Frau nachmalen. Ich hätte auch "Paint like Banksy" buchen können, "Disney Castle" oder "Berlin Skyline". Klimt jedoch erschien mir als angemessene Herausforderung.

"Ich fühle mich in die fünfte Klasse versetzt."
Jana Gioia Baurmann

Der erste Schritt: abpausen. Ich fühle mich in die fünfte Klasse versetzt, da sollten wir auch mal aus einer kleinen Vorlage Großes machen. Damals ging das mit einem Raster, also Vorlage rastern, anschließend die Inhalte aus den kleinen auf die größeren Quadrate übertragen. Hier stellen wir uns einfach gegen die Fensterscheiben und zeichnen die Umrisse mit Bleistift nach. Und während man so nebeneinander steht, Stichwort social painting, stellt sich heraus, dass einige der Teilnehmerinnen bereits zum dritten Mal dabei sind.

Aimie Carstensen-Henze war inzwischen schon mehr als 200-mal dabei. ArtNight hat sie 2016 zusammen mit David Neisinger gegründet, von Kunst verstanden die beiden damals nichts. Carstensen-Henze hatte zuvor bei Axel Springer in der Vermarktung gearbeitet und bei Bertelsmann, Neisinger hatte Start-ups in Indien gegründet und einen deutschen Getränkehersteller in Dubai etabliert.

Das Geschäftsmodell Malabend ist nicht neu: In den USA gibt es seit 2012 PaintNite, das Unternehmen setzt inzwischen jährlich mehr als 60 Millionen Dollar um. Warum sollte das nicht auch in Deutschland funktionieren? Neisinger und Carstensen-Henze veranstalteten in Berlin einen Probedurchlauf, gemalt wurde eine Frau mit Hund am Strand, die geladenen Freunde fanden den Abend okay, mehr aber auch nicht, Carstensen-Henze und Neisinger kündigten trotzdem ihre Jobs und legten los.

Der Slogan des amerikanischen Vorbilds lautet "Drink Creatively", das Emblem ist eine Cocktailschale (groß) mit Pinsel (klein), und schaut man sich Videos von PaintNites auf YouTube an, sieht man Weißweingläser, Jim-Beam-Cola-Gläser, Proseccogläser. Spring break- Atmosphäre mit Frida Kahlo. Das ist der wohl größte Unterschied zum hiesigen Markt: Deutsche Kunden buchen so eine Veranstaltung, weil sie malen wollen, und nicht, um zu saufen.