Wenn Bundesinnenminister Horst Seehofer (CSU) über Einwanderung spricht, klingt es oft, als habe er alles im Griff. Für die drängenden Probleme der deutschen Asylpolitik zum Beispiel hat er nicht nur einen Plan, sondern eine Art migrationspolitische Großoffensive im Kopf: einen "Masterplan für schnellere Asylverfahren und konsequente Abschiebungen".

Einer der Knackpunkte dieses "Masterplans" ist die Einrichtung von Flüchtlingslagern, über die in Deutschland seit Monaten gestritten wird und die Seehofer "Ankerzentren" nennt: Zentren für "Ankunft, Entscheidung und Rückführung". In ihnen soll künftig jeder Asylbewerber registriert und medizinisch untersucht werden. Dort soll er seinen Asylantrag stellen – und so lange wohnen, bis über den Antrag entschieden ist. Bundes- und Jugendamt, Verwaltungsgericht, Jobcenter, Ausländer- und Sozialbehörde, alle wichtigen Stationen des Asylverfahrens lägen unter einem Dach. Und Bewerber, die nicht in Deutschland bleiben dürfen, könnten direkt zurückgeschickt werden. Ohne große Umwege, ohne langes Warten. Darauf zumindest hoffen die Befürworter der Ankerzentren. Die Gegner fürchten, dass dort Hunderte Abgelehnte, darunter ein Großteil junge Männer, über Jahre auf engem Raum kaserniert werden – und am Ende doch nicht abgeschoben werden können.

Für die Erstaufnahme der Asylbewerber und auch für deren Abschiebung sind in Deutschland die Bundesländer zuständig. Seehofer kann seinen Masterplan also nicht einfach von oben durchdrücken. Er ist darauf angewiesen, dass die Länder mitziehen. Fünf von ihnen sollen sich an einer Art Testlauf beteiligen und im August die ersten Ankerzentren eröffnen, so jedenfalls wünscht es sich das Bundesinnenministerium. Und es hat auch schon verkündet, welche Länder Interesse äußern: Neben Seehofers Heimatbundesland Bayern seien das auch Hessen und Nordrhein-Westfalen. Auch die Niedersachsen sollen sich beteiligen, heißt es. Nur sind die davon wenig begeistert.

Die ZEIT hat bei den Regierungen sämtlicher Bundesländer (außer Bayern) nachgefragt. Zwar unterstützen fast alle die Idee, das Asylverfahren zu beschleunigen und Abschiebekandidaten nicht mehr auf die Kommunen zu verteilen. Bei Seehofers Testlauf aber will kaum eines mitmachen. Neben Bayern hat nur ein einziges Bundesland zugesagt: das kleine Sachsen, das gerade mal fünf Prozent der Asylbewerber aufnimmt, die nach Deutschland kommen.

Alle anderen Landesregierungen halten sich bedeckt – oder gänzlich raus. "Wir stehen für die geplanten Modellprojekte nicht zur Verfügung, und zwar an keinem Standort", sagt die Regierungssprecherin von Rheinland-Pfalz. "Wir warten erst mal ab", sagt ihr Kollege aus Mecklenburg-Vorpommern. Und Niedersachsens Innenminister Boris Pistorius hatte bereits vor einer Woche auf einer Pressekonferenz die Nachrichten aus dem Bundesinnenministerium dementiert: "Es wäre schon gut zu wissen, dass man Zielland von so einem Pilotprojekt ist, statt das aus der Presse zu erfahren." Die niedersächsische Regierung sei "not amused" und derzeit nicht bereit, daran teilzunehmen.

Widerstand kommt auch aus CDU-geführten Ländern: "Wir werden uns an dem Pilotprojekt nicht beteiligen", sagt Sachsen-Anhalts Innenminister, der Christdemokrat Holger Stahlknecht. Der Regierungssprecher aus Schleswig-Holstein stellt klar: "Wir sind auf keinen Fall dabei." Und der Sprecher der hessischen Regierung sagt: "Die Information, dass sich Hessen beteiligt, ist falsch. Wir haben darüber nicht entschieden." Das ist auch deshalb bemerkenswert, weil der hessische Ministerpräsident Volker Bouffier bei den Koalitionsgesprächen auf Bundesebene jene Verhandlungsgruppe für die CDU leitete, die die Ankerzentren in den Koalitionsvertrag der Bundesregierung geschrieben hat.

Im schwarz-gelb regierten Nordrhein-Westfalen hält der Ministerpräsident Armin Laschet die Ankerzentren zwar grundsätzlich für richtig. Der zuständige Integrationsminister Joachim Stamp (FDP) aber beschwert sich darüber, dass bislang völlig unklar sei, wie die Zentren aussehen sollen. Sollen sie in der Stadt liegen oder abgeschieden auf dem Land? Soll es Zäune geben? Dürfen die Kinder in die Schule gehen? Und wer soll die Zentren bewachen und bezahlen? "Grundsätzlich könnten die Ankerzentren dazu beitragen, die Verfahren zu beschleunigen", sagt Stamp. "Aber nur, wenn sie richtig gestaltet werden. Ich habe Horst Seehofer wiederholt aufgefordert, auf einem Migrationsgipfel von Bund, Ländern und Kommunen gemeinsam zu klären, wie die Einrichtungen aussehen sollen. Von der CSU kommen nur Stammtischparolen." Seinen Kollegen in Mecklenburg-Vorpommern geht es ähnlich: "Alles, was wir bislang über die Ankerzentren wissen, lesen wir in den Medien", sagt der dortige Regierungssprecher. Und aus Rheinland-Pfalz heißt es: "Bisher gibt es vom Bundesinnenminister keine klaren Vorgaben, kein Konzept, nicht mal ein Eckpunktepapier."