Auch wenn sie nicht immer in der ersten Reihe stehen: Viele Politiker aus Ost und West machen in den neuen Ländern Karriere. Die interessantesten stellen wir in loser Folge der Porträt-Reihe "Die da oben" vor: in dieser Woche Barbara Klepsch, Sozialministerin in Sachsen.

Es gibt diese Bilder, auf denen Barbara Klepsch zwischen lauter Männern steht, Krawatte neben Krawatte neben Krawatte, irgendwo dazwischen: ein Kostüm. Das ist dann ihres. "Ich habe mir schon manchmal gedacht: Mensch, jetzt bist du hier allein zwischen den ganzen Anzugträgern", sagt Klepsch. Auf Fotos mit CDU-Kollegen ist sie das jedenfalls immer wieder.

Klepsch, 52, Sozialministerin in Sachsen, ist die einzige CDU-Frau, die in dem Land mitregiert. Dieser Umstand ist schon deshalb bemerkenswert, weil immer über den jungen, progressiven sächsischen Ministerpräsidenten Michael Kretschmer gesprochen wird. Darüber, dass der vieles anders, moderner, offener gestalte. Was nicht dazu passt, das ist: dass Kretschmer sechs der sieben CDU-Kabinettsposten an Männer vergeben hat. Dass nur die SPD, der Koalitionspartner, zwei Frauen ins Kabinett geschickt hat. Spricht man Kretschmer, den neuen Premier, darauf an, sagt er: "Diese Kritik ist berechtigt. Aber es muss am Ende immer alles passen, es zählt ja nicht nur das Geschlecht, es zählt auch fachliche Eignung, regionale Herkunft, das Alter."

Nur Barbara Klepsch war also geeignet? Was macht es mit einer Frau, im Jahr 2018 immer noch die Einzige ihrer Partei zu sein, die Macht übernehmen darf? Ist sie kämpferisch? Bedrückt? Oder ist es ihr egal? Letzteres, so viel vorweg, ist nicht der Fall. Im Gegenteil: Barbara Klepsch spricht so offensiv über ihre Rolle als Einzelkämpferin, wie das ostdeutsche Frauen ihrer Generation selten tun. Sie hat kein Problem damit, eines zuzugeben: Ja, ihr Aufstieg habe auch damit zu tun, dass sie eine Frau ist. Und gleichzeitig musste sie mehr kämpfen als andere. Viel mehr. Wer ist sie? Ein Treffen mit der Ministerin, im Restaurant des Sächsischen Landtags: Barbara Klepsch kommt schnell auf dieses eine, zentrale Thema. "Als Frau muss man sich doppelt beweisen", sagt sie. "Du musst überzeugender auftreten, Fehler wiegen doppelt so schwer."

Vielleicht ist das der Grund dafür, dass man mitunter den Eindruck hat: Fehlervermeidung ist ihr zentrales Anliegen. Sie tut nichts, das provozieren würde, fällt selten öffentlich auf, ist dadurch weitgehend unbekannt. Es gibt keine hervorstechende Kritik an ihr, aber auch kein Thema, durch das sie hervorsticht. Beobachtet man sie im Landtag oder bei verschiedenen Terminen, wirkt sie in einer größeren Gruppe manchmal schüchtern. Und sie ist sich dessen bewusst. "Ich handle nicht nach dem Prinzip: Es ist alles schon gesagt worden, nur noch nicht von jedem", das ist so ein Satz, den man von ihr hört. Oder: "Man kann mich nicht einfach hinstellen, und ich halte eine flammende Rede über ein Thema, von dem ich keine Ahnung habe. So bin ich nicht."

Wer diese Sätze hört und wer nur ihr öffentliches Bild betrachtet, der muss den Eindruck gewinnen: Diese Frau ist nicht gerade offensiv. Der stellt sich schon kurz die Frage, wie sie – mit ihrer Zurückhaltung – eigentlich in ihr Amt gekommen ist.

Aber wer ihr länger bei der Arbeit zuschaut, wer sie begleitet, dem fällt rasch auf: Sie ist manchmal ganz anders. Präsent, selbstbewusst, nicht prahlerisch. Vielleicht ist Barbara Klepsch so etwas wie die unterschätzteste Ministerin ihres Landes.

Klepsch ist in Annaberg-Buchholz geboren, aufgewachsen, Ehefrau und Mutter geworden – und schließlich auch Politikerin. Zunächst arbeitete Klepsch – eine studierte Verwaltungsbetriebswirtin – als Finanzchefin des Kreiskrankenhauses und von 1993 an als Kämmerin. 2001 suchte der Oberbürgermeister von Annaberg-Buchholz jemanden, der ihm nachfolgen kann. Und fragte Klepsch. Sie gewann die Wahl, mit 51,4 Prozent. Sieben Jahre später wurde sie wiedergewählt, mit 98,5 Prozent. Wie erklärt sie sich das? "Ich habe den Bürgern anscheinend beweisen können, dass ich wirklich gestalten will und kann", sagt sie. "Dass ich eine Frau bin, spielte 2001 auch stärker eine Rolle. Frauen hat man damals noch weniger zugetraut. So konnte ich mehr überzeugen."

2008, sagt Klepsch, habe der damalige Ministerpräsident Stanislaw Tillich ihr dann erstmals das Sozialministerium angeboten. Klepsch lehnte ab, weil sie gerade als Oberbürgermeisterin wiedergewählt worden war. Tillich, so erinnert sich Klepsch, habe Verständnis gezeigt, aber auch gesagt: So eine Frage bekomme man nur einmal gestellt. Fünf Jahre später, 2014, fragte er sie wieder. Da nahm sie an.

Klepsch hat Schlachten geschlagen in ihrem Leben. 1989 ging sie gegen den Staat auf die Straße, auch für Religionsfreiheit. Als Katholikin durfte Klepsch in der DDR nicht Lehrerin werden, obwohl sie Klassenbeste war. Diese Erfahrung prägt sie bis heute. "Du willst einen Beruf ausüben, für den du das Zeug hast, aber der Staat lässt dich nicht", sagt sie.